22. Mai 2019

Vom Umgang mit Gefühlen als Weg der inneren Selbstreinigung - hin zur Selbstliebe

Vor einigen Jahren - während meiner letzten Psychotherapie - schrieb ich jeweils einen Text über "Wachstumsschmerzen" und "Katharsis". Beides erscheint mir heutzutage sehr eng miteinander verbunden. Denn "Katharsis" bedeutet ein sehr schmerzhaftes und gleichermaßen bewusstes Durchleben starker, insbesondere schmerzhafter und dunkler, angst machender Gefühle - als eine Art seelische "Entgiftung" oder Selbstreinigung. Als "Wachstumsschmerzen" treten sie innerhalb eines sehr intensiven Entwicklungsprozesses zutage. 

Ich befand mich zu dieser Zeit in einem Zustand hoher und äußerst schmerzhafter Emotionalität, während dessen ich erstmals bewusst und klar das gesamte Spektrum meiner Gefühle durchleben durfte, aber bisweilen auch durchlitt. Nach Jahrzehnten schwärzester und eher dumpfer Depression war ich mit einem Mal dazu imstande, Gefühle benennen zu können und einen Zugang zu ihnen zu bekommen. Im Rückblick betrachtet, war dieses Erleben sowohl äußerst beglückend für mich, als auch befremdlich und immens kräftezehrend. Ich befand mich meilenweit außerhalb meiner Komfortzone und hatte nichts bei der Hand, um mich in diesem völlig unerforschten Gelände zu orientieren.

Inzwischen sind ziemlich genau zwei Jahre vergangen. Ich habe meine Depressionen weit hinter mir gelassen, bin genesen und habe sehr intensiv damit begonnen, mir meinen großen Gefühlsreichtum zu erschließen und damit zu arbeiten. Dass ich meine Emotionen heute, im Gegensatz zu damals, als "Gefühlsreichtum" erlebe und betrachte, hat damit zu tun, dass meine Perspektive, mein Blickwinkel sich vollkommen verändert hat und ich gelernt und erfahren habe, dass meine Gefühle insgesamt ein Geschenk sind, mit dessen Hilfe ich meinen Gedichten und Texten einerseits, und meinen Begegnungen andererseits, eine ganz neue Tiefe, Authentizität und Fülle verleihen kann. Mein gesamtes Leben ist farbenreicher, runder und vollkommener geworden.

Dennoch birgt die Arbeit an und mit meinen Gefühlen, so schön und erfüllend sie in ihrer Gesamtheit auch sein mögen, noch immer gewisse Untiefen, an die ich immer wieder unversehens gelange; gerade dann nämlich, wenn ich - durch die Konfrontation mit neuen und mir unbekannten, aufwühlenden und mich fordernden Situationen - ganz in mein Fühlen "eintauche", es bewusst durchlebe, zeigt sich immer auch seine Schattenseite mit der gleichen Intensität. Dann fühle ich mich mit einem Mal hilflos ausgeliefert, verzweifelt und getrieben. Das ist nicht schön, bisweilen sogar erschreckend, weil ich hier tatsächlich mit meiner "dunklen Seite" konfrontiert werde. Allerdings bemerke ich dabei einen großen Lernfortschritt: Während ich früher nicht dazu imstande war, meinen gegenwärtigen Zustand zu reflektieren und mir diese dunklen Gefühle auch zuzugestehen, und infolgedessen oftmals blindlings und zutiefst verletzt um mich geschlagen- und meine Gefühle so auf andere Menschen projiziert habe, bin ich heute doch einen großen Schritt weiter: Ich habe gelernt, ungeachtet der Wucht meiner Gefühle, kurz innezuhalten und mir zu vergegenwärtigen, dass mein Gegenüber keinerlei Schuld oder Verantwortung an meinem Zustand trägt. Ich allein bin es, der diese Gefühle hat, und es meine alleinige Verantwortung ist, damit umzugehen.

Seitdem ich mich mit dem Seins-Zustand der Liebe beschäftige, hat dieses Thema des intensiv Fühlens noch einmal an Tiefe und Bedeutung gewonnen. Denn Liebe bedeutet auch Güte und Vergebung, zuvorderst mir selbst gegenüber. Die Substanz, der Grad des verwurzelt-Seins meiner Selbstliebe, entscheidet darüber, ob ich dazu imstande bin, mir meine Schwächen, meine Wut, meine Verzweiflung, meine Missgunst einzugestehen und sie mir im nächsten Schritt aus ganzem Herzen und aufrichtig zu vergeben -  sie damit allmählich zu verarbeiten, aufzulösen und ziehen zu lassen.

Normalerweise verbinden wir mit Vergebung ganz unwillkürlich etwas, was wir anderen Menschen angedeihen lassen, wenn wir glauben, dass sie uns Unrecht getan und verletzt haben. In Wirklichkeit ist es jedoch in jedem einzelnen Moment unsere ureigene Entscheidung, ob wir uns in einer derartigen Situation vom Anderen verletzt fühlen, oder nicht. Es liegt also in unserer Freiheit begründet, auf welche Weise wir eine solche Situation bewerten und damit umgehen.

Wie gesagt: Vergebung bedeutet, etwas aufzulösen und ziehen zu lassen, sich damit zu befreien. Mir fällt das nicht leicht; insbesondere in Situationen, in denen ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann, weil ich mich in meinen Gefühlen verstrickt und verhakt habe. Erst durch die regelmäßige Meditation, das Hineinlauschen in meine Seele, das bewusst  In -Verbindung -Treten mit mir, hat sich die heilsame Kraft der Selbst-Vergebung, als immanenter Bestandteil der Selbstliebe, mir offenbart. Noch ist das sehr ungewohnt. Aber zugleich unglaublich schön.


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