22. Mai 2019

Vom Umgang mit Gefühlen als Weg der inneren Selbstreinigung - hin zur Selbstliebe

Vor einigen Jahren - während meiner letzten Psychotherapie - schrieb ich jeweils einen Text über "Wachstumsschmerzen" und "Katharsis". Beides erscheint mir heutzutage sehr eng miteinander verbunden. Denn "Katharsis" bedeutet ein sehr schmerzhaftes und gleichermaßen bewusstes Durchleben starker, insbesondere schmerzhafter und dunkler, angst machender Gefühle - als eine Art seelische "Entgiftung" oder Selbstreinigung. Als "Wachstumsschmerzen" treten sie innerhalb eines sehr intensiven Entwicklungsprozesses zutage. 

Ich befand mich zu dieser Zeit in einem Zustand hoher und äußerst schmerzhafter Emotionalität, während dessen ich erstmals bewusst und klar das gesamte Spektrum meiner Gefühle durchleben durfte, aber bisweilen auch durchlitt. Nach Jahrzehnten schwärzester und eher dumpfer Depression war ich mit einem Mal dazu imstande, Gefühle benennen zu können und einen Zugang zu ihnen zu bekommen. Im Rückblick betrachtet, war dieses Erleben sowohl äußerst beglückend für mich, als auch befremdlich und immens kräftezehrend. Ich befand mich meilenweit außerhalb meiner Komfortzone und hatte nichts bei der Hand, um mich in diesem völlig unerforschten Gelände zu orientieren.

Inzwischen sind ziemlich genau zwei Jahre vergangen. Ich habe meine Depressionen weit hinter mir gelassen, bin genesen und habe sehr intensiv damit begonnen, mir meinen großen Gefühlsreichtum zu erschließen und damit zu arbeiten. Dass ich meine Emotionen heute, im Gegensatz zu damals, als "Gefühlsreichtum" erlebe und betrachte, hat damit zu tun, dass meine Perspektive, mein Blickwinkel sich vollkommen verändert hat und ich gelernt und erfahren habe, dass meine Gefühle insgesamt ein Geschenk sind, mit dessen Hilfe ich meinen Gedichten und Texten einerseits, und meinen Begegnungen andererseits, eine ganz neue Tiefe, Authentizität und Fülle verleihen kann. Mein gesamtes Leben ist farbenreicher, runder und vollkommener geworden.

Dennoch birgt die Arbeit an und mit meinen Gefühlen, so schön und erfüllend sie in ihrer Gesamtheit auch sein mögen, noch immer gewisse Untiefen, an die ich immer wieder unversehens gelange; gerade dann nämlich, wenn ich - durch die Konfrontation mit neuen und mir unbekannten, aufwühlenden und mich fordernden Situationen - ganz in mein Fühlen "eintauche", es bewusst durchlebe, zeigt sich immer auch seine Schattenseite mit der gleichen Intensität. Dann fühle ich mich mit einem Mal hilflos ausgeliefert, verzweifelt und getrieben. Das ist nicht schön, bisweilen sogar erschreckend, weil ich hier tatsächlich mit meiner "dunklen Seite" konfrontiert werde. Allerdings bemerke ich dabei einen großen Lernfortschritt: Während ich früher nicht dazu imstande war, meinen gegenwärtigen Zustand zu reflektieren und mir diese dunklen Gefühle auch zuzugestehen, und infolgedessen oftmals blindlings und zutiefst verletzt um mich geschlagen- und meine Gefühle so auf andere Menschen projiziert habe, bin ich heute doch einen großen Schritt weiter: Ich habe gelernt, ungeachtet der Wucht meiner Gefühle, kurz innezuhalten und mir zu vergegenwärtigen, dass mein Gegenüber keinerlei Schuld oder Verantwortung an meinem Zustand trägt. Ich allein bin es, der diese Gefühle hat, und es meine alleinige Verantwortung ist, damit umzugehen.

Seitdem ich mich mit dem Seins-Zustand der Liebe beschäftige, hat dieses Thema des intensiv Fühlens noch einmal an Tiefe und Bedeutung gewonnen. Denn Liebe bedeutet auch Güte und Vergebung, zuvorderst mir selbst gegenüber. Die Substanz, der Grad des verwurzelt-Seins meiner Selbstliebe, entscheidet darüber, ob ich dazu imstande bin, mir meine Schwächen, meine Wut, meine Verzweiflung, meine Missgunst einzugestehen und sie mir im nächsten Schritt aus ganzem Herzen und aufrichtig zu vergeben -  sie damit allmählich zu verarbeiten, aufzulösen und ziehen zu lassen.

Normalerweise verbinden wir mit Vergebung ganz unwillkürlich etwas, was wir anderen Menschen angedeihen lassen, wenn wir glauben, dass sie uns Unrecht getan und verletzt haben. In Wirklichkeit ist es jedoch in jedem einzelnen Moment unsere ureigene Entscheidung, ob wir uns in einer derartigen Situation vom Anderen verletzt fühlen, oder nicht. Es liegt also in unserer Freiheit begründet, auf welche Weise wir eine solche Situation bewerten und damit umgehen.

Wie gesagt: Vergebung bedeutet, etwas aufzulösen und ziehen zu lassen, sich damit zu befreien. Mir fällt das nicht leicht; insbesondere in Situationen, in denen ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann, weil ich mich in meinen Gefühlen verstrickt und verhakt habe. Erst durch die regelmäßige Meditation, das Hineinlauschen in meine Seele, das bewusst  In -Verbindung -Treten mit mir, hat sich die heilsame Kraft der Selbst-Vergebung, als immanenter Bestandteil der Selbstliebe, mir offenbart. Noch ist das sehr ungewohnt. Aber zugleich unglaublich schön.


15. Mai 2019

Eifersucht - "Schatten" der Liebe und Wachstumschance

"Die Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft." 

Eifersucht ist auf den ersten Blick ein "hässliches" Gefühl, das etliche Eigenschaften in sich vereint, die in ihrer Gesamtheit eine Art "Schattenseiten" der Liebe bilden: Misstrauen, Missgunst, Neid,  Verzweiflung, Scham und Wut. Jedes dieser Gefühle ist für sich allein genommen schon wenig erfreulich. Aber bilden diese Gefühle eine Einheit, werden sie zu einem Seins-Zustand, der in seiner Intensität dem der erfüllenden Liebe zwar vergleichbar, aber im Gegensatz zu ihr, schier unerträglich ist.

Liebe ist ein Seins-Zustand, der alle dem Schönen und Guten des Menschseins verpflichtete Eigenschaften in sich trägt: Güte, Vertrauen, Großzügigkeit, Stärke, usw. Damit bildet sie einen Gegenpol zur Eifersucht. 

Liebe ist die Grundvoraussetzung für Freiheit und für Gesundheit. Und sie ist in ihren verschiedenen Abstufungen und Ausprägungen DAS verbindende Element zwischen den Menschen. 


Im ersten Moment war ich zutiefst darüber erschrocken, dass ich Eifersucht überhaupt empfinde. Und ich habe mich im gleichen Moment sehr für diese Empfindungen geschämt und hatte ein "schlechtes Gewissen", weil ich im Grunde meines Herzens wusste, dass sie gänzlich irrational sind, und keinerlei auf  reale Erfahrung gegründete Berechtigung haben. Dennoch war ich ihnen zunächst hilflos ausgeliefert und musste sehr viel Kraft aufwenden, mich nicht darin zu verlieren und etwas Unüberlegtes zu tun. Denn trotz aller Heftigkeit der Empfindungen, war ich mir der zerstörerischen und gefährlichen Kraft meines Zustandes sehr bewusst.

Manche Gefühle sind leichter hinzunehmen und zu akzeptieren, als andere. Die eigene "dunkle Seite" in ihrer oft überraschenden und intensiven Präsenz wirklich anzunehmen, fällt zumindest mir außerordentlich schwer. Denn mit ihr verbinde ich die Angst vor dem Rückfall in alte Verhaltensmuster und vor einem Stillstand, wenn nicht sogar einem Rückschritt, meiner seelischen und geistigen Entwicklung. 

Allerdings befasse ich mich zur Zeit im Rahmen meiner Beschäftigung mit dem Thema "Liebe" sehr intensiv mit den Qualitäten "Vertrauen", "Freiheit" und "Dankbarkeit", indem ich ihrer Substanz und Wirkung auf mich und mein Leben sehr achtsam nachspüre. So ist es womöglich kein Zufall, dass ich innerhalb dieses Lernprozesses auch mit dem Widerpart dieser Qualitäten konfrontiert werde, quasi als Vervollständigung meines Strebens. 

Inzwischen habe ich aber einen weiteren Aspekt für mich erkennen können, der dieses Gefühl für mich in gewisser Weise "erträglicher" und nachvollziehbarer macht: Wenn ich einen Menschen aus ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebe, dann ist dies, genauso wie die Eifersucht, ein außerordentlich tiefes und intensives, gänzlich "irrationales", nicht auf Logik und Verstand basierendes Empfinden. Und genauso tief und intensiv und eben auch "irrational" wie das tiefe Empfinden und Erleben von Liebe, ist dann auch das Empfinden von Eifersucht. 

Je länger ich mich mit meinem für mich so besonderen Gefühlsreichtum befasse und auseinandersetze, desto deutlicher wird mir, wie wichtig es ist, ausnahmslos alle meine Gefühle zuzulassen und mir zuzugestehen - unabhängig davon, ob ich sie als "angenehm" oder "unangenehm" erlebe. Denn hole ich sie mir ins Bewusstsein, erschaffe ich mir damit einen Freiraum, innerhalb dessen ich tatsächlich frei entscheiden kann, wie ich mit ihnen umgehe und sie einsetze. Außerdem kann ich sie auf diese Weise viel besser auflösen, anstatt in ihnen zu verharren, mich in sie zu "verbeißen", und ihnen damit ausgeliefert zu sein. 

So gesehen, kann ich sogar dankbar für diese Erfahrung sein, weil ich mich durch sie wieder ein Stückchen besser kennengelernt habe und mich trotz aller Schwierigkeiten nicht dazu habe hinreißen lassen, unüberlegt, unreflektiert zu handeln und Schaden anzurichten. Darauf bin ich sogar ein wenig stolz. Und es zeigt mir, dass ich immer mehr "erwachsen" bin.

Je mehr und intensiver ich mich mit dem Thema "Liebe" befasse, umso schattierungsreicher gibt sie sich mir zu erkennen. Inzwischen erlebe ich sie derart umfassend, tief und grenzenlos, dass es mir gelegentlich vor Glück und Staunen den Atem verschlägt.  

Ich habe das große Glück, in meinem Leben einen Menschen zu haben, der so viel Liebe in sich trägt, dass sie tatsächlich für mehrere Menschen ausreicht, ohne dass einer von ihnen dabei "zu kurz" kommt. Dies zu erkennen und im umfassenden und wirklich tiefen Sinn zu verstehen, ist mir zunächst außerordentlich schwer gefallen. Denn es geht darum, anzuerkennen und zu begreifen, dass wirkliche Liebe unfassbar groß und tatsächlich vollkommen frei ist. Und eine solche Erfahrung ist gewissermaßen ein "Prüfstein" für die eigene Liebe, der jedoch unglaublich viel Entwicklungspotential in sich trägt. 

Die alles entscheidende Frage hierbei lautet nämlich: Ist meine Liebe so groß, selbstlos und umfassend, dass ich mich von gängigen Vorstellungen. Denkmodellen und meinem natürlichen Egoismus, dem exklusiv "Besitzen Wollen" lösen und befreien kann? Und: Bedeutet mir dieser eine Mensch so viel, dass ich seine Freiheit ohne jede Einschränkung und Missgunst anerkenne und ihm sein Glück aus ganzem Herzen gönne?

Lautet die Antwort bei beiden Fragen "Ja!", dann ist dies ein gewaltiger Entwicklungsschritt hin zu einer völlig neuen, umfassenden und im Wortsinn "freien Liebe", deren Qualität und Tiefe sich in ihrer Substanz vervielfacht und glücklich macht.




13. Mai 2019

Mein Weg aus der Depression

Psychische Erkrankungen werden häufig als unabänderliches Schicksal angesehen, dem man sich in Demut zu fügen hat. Und die meisten Ärzte und Therapeuten unterstützen diese so fatale Sichtweise dadurch, dass sie ihren Patienten bestenfalls eine allmähliche Linderung ihrer Symptome in Aussicht stellen, aber niemals eine vollständige Genesung.
Über dreißig Jahre, seit etwa meinem sechzehnten Lebensjahr, litt ich, bedingt durch eine äußerst schwierige familiäre Situation, zunehmend unter schweren Depressionen. In der Schule war ich Außenseiter und „Prügelknabe“, mit nur wenigen Freunden und anderen sozialen Kontakten. Auf diese Weise prägte sich mir von Jugend an das Gefühl ein, nicht „richtig“ zu sein und in diese Welt nicht hineinzupassen.
Dementsprechend wollte es mir auch nicht gelingen, im Berufsleben richtig fußzufassen, sodass ich nach einer langen und vergeblichen Odyssee durch verschiedene Ausbildungen, mit Anfang Dreißig ohne einen erlernten Beruf schließlich nachhause zurückkehrte. Erschöpft, und am Ende meiner Kräfte, begab ich mich in psychiatrische Behandlung, die sich mit Unterbrechungen und scheinbar ohne sichtbare, dauerhafte Erfolge, weit über zehn Jahre hinzog.
Erst als ich das Schreiben für mich entdeckte, begann eine zunächst unmerkliche, zaghafte Veränderung in meiner Selbstwahrnehmung und meinem Lebensgefühl. Freudig und dankbar erkannte ich, dass ich tatsächlich eine Begabung besitze, die es mir ermöglichte, das Chaos in meinem Denken und Fühlen Stück für Stück zu ordnen und mir selbst verständlich zu machen. Mit einem Mal konnte ich mich mitteilen, ohne Angst davor zu haben, wie früher missverstanden und nicht wahrgenommen zu werden. Noch viel wichtiger war jedoch, dass ich für mich erstmals eine mich wirklich erfüllende und begeisternde Aufgabe entdeckt hatte, die mir neuen Lebensmut bescherte. Zunächst in meinem Blog, verfasste ich unzählige autobiografische Gedichte und Texte, in denen ich absolut ehrlich und ungefiltert meiner Verzweiflung und meiner Wut über mein Schicksal Ausdruck verlieh und mit deren Hilfe es mir gelang, diese so mächtigen Gefühle allmählich zu verarbeiten und loszulassen. 
Als ich dann im Jahr 2016 mein erstes Buch
Grenzgänger. Autobiografische Fragmente und der Versuch ihrer Zuordnung“ verfasste, in dem ich mich erstmals gründlich und umfassend mit meiner Erkrankung, meiner Biografie und meinen unzähligen seelischen Verletzungen auseinandersetzte, war ein weiterer und äußerst wichtiger Schritt auf meinem Genesungsweg getan. Denn die Arbeit an diesem Buch entpuppte sich für mich als wahrer Befreiungsschlag. Ich konnte meine Vergangenheit, und damit meine so lang eingeübte Opferrolle schrittweise hinter mir lassen, und mich endlich auf das „Hier und Jetzt“ einlassen. 

Was kann es bewirken, die eigene Vergangenheit loszulassen und endgültig mit ihr abzuschließen? 
Allerdings wurde ich von Petra, meiner großen Liebe, nach dem Ende meiner letzten Psychotherapie in etlichen Gesprächen darauf aufmerksam gemacht, dass ich, solange ich mich immer wieder mit meiner Vergangenheit befasse, von dieser auch immer wieder eingeholt werde. Und, dass meine Vergangenheit auf diese Weise unwillkürlich alle meine zukünftigen Entscheidungen und Handlungsweisen beeinflussen und sogar bestimmen wird. 
In dieser unverblümten Deutlichkeit hatte zuvor noch niemand mit mir über dieses sehr sensible Thema gesprochen, sodass ich zunächst ziemlich geschockt war von dieser scheinbar radikalen und unsensiblen Betrachtungsweise. Da mir dieser Mensch jedoch sehr viel bedeutete, setzte ich mich dennoch, zunächst jedoch nur ihr zuliebe, intensiv mit ihrer, in meinen Augen sehr absoluten und fragwürdigen Behauptung, auseinander.

Meine Krankheit war ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens
Schließlich hatte ich all die Jahre die Geschehnisse und Erfahrungen aus meiner Kindheit und Jugend als untrennbaren und sehr bedeutsamen, ja prägenden Bestandteil meines Lebens empfunden. Und während der zahlreichen Therapien hatte ich mich sehr darum bemüht, dem „Warum“ meiner Erkrankung auf die Spur zu kommen. Man könnte sogar sagen, meine Erkrankung war mein Leben. Mich mit ihren Ursachen und Auswirkungen zu beschäftigen, verlieh meinem Leben Sinn und Richtung. 
Als ich jedoch damit begann, diese Behauptung vorurteilsfrei auf mich wirken zu lassen, stellte ich überrascht und dankbar fest, dass Petra Recht hatte. Denn beim genauen Hinschauen erkannte ich für mich, dass ich bereits beim Verfassen meines ersten Buches „Grenzgänger“ die äußerst wichtige und vor allem befreiende Erfahrung gemacht hatte, dass es tatsächlich gelingen kann, sich von der eigenen Vergangenheit nach und nach zu lösen. 

Achtsamkeit als erster Schritt zur Genesung
Allein dadurch, dass ich all meine Erinnerungen und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle mir nochmals gründlich vor Augen führte, sie sorgsam betrachtete und niederschrieb, erlebte ich eine große innere Erleichterung und Befreiung. Und das ehemals so starke, fast schon zwanghafte Bedürfnis, mich mit ihr immer wieder zu befassen, hatte schon während des Schreibens deutlich spürbar nachgelassen. Ich hatte mir meine Vergangenheit also buchstäblich von der Seele geschrieben. 
Nach meinem heutigen Verständnis hängen gerade Menschen mit einer psychischen Erkrankung oft in ihrer Vergangenheit fest, weil sie bestimmte Traumata und Erlebnisse, womöglich aus Angst vor dem Ungewissen, weder loslassen können noch wollen. Sie erleben sie als einen festen und sie definierenden Bestandteil ihrer Identität und vermögen sich keine Vorstellung davon zu bilden, was an die Stelle der seelischen Verletzungen rücken könnte, wenn sie sie hinter sich lassen. So betrachtete auch ich in einer jahrzehntelang andauernden, quälenden Endlosschleife immer wieder meine Vergangenheit und insbesondere einzelne Ereignisse, an denen ich mir die alleinige Schuld gab. Und kam nicht vom Fleck. 
Doch durch das Schreiben befand ich mich unversehens schon auf der Suche nach meinem Weg in eine bessere Zukunft: Da ich des Lebens in der Vergangenheit, ohne es zunächst zu ahnen, im Grunde längst überdrüssig war und mich aus ganzer Seele nach einem deutlich schöneren und sinnerfüllteren Leben sehnte, vermochte ich mir allmählich meine Zukunft ohne Krankheit immer deutlicher und bildhafter auszumalen.

Das Gesetz der Anziehung als Weg der Wunscherfüllung
In „The Secret“ beschreibt Rhonda Byrne ausführlich den Umgang mit Herzenswünschen: Je konkreter und intensiver wir einen Wunsch in uns spüren und ihn uns bildlich vorstellen können, umso schneller geht er in Erfüllung. Mein größter Wunsch zu dieser Zeit war es, gesund zu sein und ein erfülltes, schönes und unbeschwertes Leben zu führen. Als ich diesen Wunsch förmlich mit Händen zu greifen und zudem mit Leben, in Form von konkreten Ideen, zu füllen vermochte, war auch die Lösung da: das Schreiben von Gedichten, Büchern und Texten, die anderen Menschen auf ihrem jeweiligen Weg Unterstützung, Inspiration und Hilfe bieten sollten.

Loslassen ist Befreiung
Immer wieder gibt es Situationen im Leben, in denen wir vor die Wahl gestellt werden, etwas Altes weiter mitzunehmen oder uns, wenn auch vielleicht schweren Herzens, davon zu trennen. Meistens stellt sich diese Frage im Zusammenhang mit einem Wohnungs,- oder Ortswechsel, da die Umzugskartons nicht zu schwer und zu zahlreich werden sollen, oder auch, weil wir uns etwas kleiner setzen möchten. 
Nun sind es aber nicht nur Gegenstände, an denen wir festhalten, sondern es sind genauso Gewohnheiten, Erinnerungen, übernommene Denkmuster und Glaubenssätze aus unserer Kindheit und Jugend. Bei ihnen gilt es, sorgfältig und innerem Frieden abzuwägen: Nicht alles Alte, seien es Erinnerungen oder auch Gegenstände, ist per se schlecht! Denn einige der alten Gegenstände entwickeln erst im Zusammenspiel mit neuen Dingen ihren richtigen Charme und manch alte Erinnerung ist überaus kostbar, weil wir mit ihr nur wirklich schöne Gefühle und Bilder verbinden. 
So habe ich mir inzwischen mein persönliches „Schatzkästchen“ eingerichtet: mit wunderschönen, bunten Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend und auch aus späteren Zeiten. Gelegentlich schaue ich in dieses Kästchen hinein, wähle eine Erinnerung aus, mit der ich besonders viel Glück und Freude verbinde, erfreue mich an ihr und lege sie behutsam wieder zurück zu all den anderen.

Konzentration auf das Schöne
Sehr schöne und intensive Erinnerungen verbinde ich auch mit klassischer Musik. Sie begleitete mich durch meine gesamte Kindheit und Jugend und ich besaß zahlreiche Schallplatten, denen ich immer wieder mit großem Genuss lauschte. Mich dieser so wunderschönen Musik völlig hinzugeben, ließ mich meine Schwierigkeiten im Elternhaus für die Dauer des jeweiligen Musikstückes vollständig vergessen, weil ich mich während des Hörens in einer ganz anderen Welt befand. Als ich jedoch in späteren Jahren damit begann, alles was mich mit meinem Elternhaus verband, rigoros abzulehnen, da verblassten auch meine Erinnerungen an die schönen Momente und damit auch daran, wie wohltuend für meinen Seelenfrieden ich klassische Musik immer empfunden habe. Zu sehr überwogen die Verletzungen und traurigen Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend und ich konnte für lange Zeit nicht mit den Gefühlen umgehen, die diese Musik immer wieder in mir auslöste.
Erst nachdem meine Genesung so weit fortgeschritten war, dass ich meine Interessen und Neigungen losgelöst von der Vergangenheit zu betrachten imstande war, kehrten plötzlich auch die schönen Erinnerungen zurück, die ich mit dieser Musik verband. Und zeitgleich mit diesen Erinnerungen, überkam mich eine große Sehnsucht danach, genau diese Musik wieder in meinem Leben haben und genießen zu wollen. 
Inzwischen besitze ich einen beträchtlichen Fundus an klassischer Musik, der ich sehr oft genussvoll und bewusst Zeit widme. Auch bin ich meiner Mutter inzwischen sehr dankbar dafür, dass sie mir diese Musik nicht nur zugänglich gemacht, sondern meine Leidenschaft dafür geteilt hat. Auf diese Weise ist klassische Musik zu etwas geworden, das uns über ihren Tod hinaus auf schöne Weise miteinander verbindet und meinen Blick auf sie deutlich verändert hat.

Abwägen als ein Schritt zur inneren Balance
Der Prozess des Abwägens zwischen Loslassen und Bewahren beginnt auch jedes Mal, wenn wir einen lieben Menschen in unserem Leben verlieren; sei es durch den Tod oder auch dadurch, dass wir feststellen müssen, dass wir aufgrund unserer eigenen Veränderungen und Weiterentwicklung nicht mehr zueinander passen. 
Ich habe beispielsweise sehr lange Zeit benötigt, um meine verstorbenen Eltern wirklich loslassen zu können. Dieses Unvermögen lag in meinem tief verankerten Gefühl begründet, mit unserer komplexen Beziehung zueinander noch nicht wirklich abgeschlossen zu haben. Noch lange nach ihrem Tod haderte ich mit unserer Sprachlosigkeit in allen für mich wichtigen Lebensbereichen, genauso wie mit unserer gemeinsamen Unfähigkeit, Differenzen und Unstimmigkeiten wirklich zu beseitigen. Nach meinem Empfinden hatte ihr Tod mich der Möglichkeit beraubt, mit ihnen wirklich Frieden schließen zu können.
Erst vor einigen Monaten ist es mir gelungen, mich mit einem Ritual endgültig und ganz bewusst von ihnen zu verabschieden. Dabei war es mir äußerst wichtig, ihnen meinen tief empfundenen Dank für ihre Liebe und Zuwendung auszusprechen und ihnen gleichzeitig von Herzen alles zu verzeihen, was sie mir nach meinem damaligen Empfinden im Laufe meines Lebens an Kränkungen und seelischen Verletzungen zugefügt hatten. 

Verzeihen können
Im Verlauf dieses Rituals erkannte ich darüber hinaus, dass es genauso auch an mir war, sie für mein verletzendes und respektloses Verhalten in den vergangenen Jahrzehnten aufrichtig um Verzeihung zu bitten. Außerdem begriff ich, dass ich in einem nächsten Schritt auch mir mein Verhalten ihnen gegenüber vergeben musste, damit ich die Beiden wirklich in Frieden und Liebe gehen lassen konnte. 
Erst mit diesem äußerst tränenreichen Ritual des Verzeihens und Verabschiedens vermochte ich, dieses lang andauernde und quälende Kapitel meines Lebens endgültig zu schließen und damit wiederum Platz für Neues und damit auch für neue Menschen in meinem Leben zu schaffen. Gleichzeitig bleiben mir aber auch hier schöne Erinnerungen erhalten, die ich nicht missen möchte. Von dieser Erfahrung beflügelt, fiel mir der Abschied von meiner plötzlich verstorbenen Schwester sehr viel leichter, trotz des Schocks, den ihr unerwarteter Tod in mir auslöste. Zudem waren wir am Ende ihres Lebens miteinander gänzlich im Reinen und in Liebe, gegenseitigem Respekt und Verständnis verbunden. 

Die Trennung von alten Verhaltensmustern
Endgültig von alten Verhaltensmustern zu lassen, ist noch einmal etwas Anderes. Auch wenn Verhaltensmuster uns, im Gegensatz zu Menschen, nicht in fruchtlose Diskussionen verwickeln, ist es dennoch schwer, sie wirklich vollständig loszulassen. Sind sie doch gewissermaßen breit ausgetretene Wege, auf denen wir uns mit großer Sicherheit und Vertrautheit bewegen; auch weil wir genau wissen, was uns dort erwartet. Sie bergen keinerlei Überraschungen mehr. 
Trennen wir uns hingegen von altem Verhalten, indem wir beispielsweise mit dem Rauchen aufhören, oder ganz bewusst Verzicht auf eine lieb gewordene Gewohnheit üben, dann wissen wir nicht, was uns erwartet und wir entwickeln womöglich eine überaus starke und lähmende Angst vor dem Ungewissen. 
Auch ich habe über lange Jahre an alten Gewohnheiten festgehalten, weil ich sie als wesentlichen und unverzichtbaren Bestandteil meiner Persönlichkeit ansah und mir nicht vorstellen konnte, auf welche Weise und in welche Richtung ich mich wohl ohne sie verändern würde.

Freiheit durch Transformation
Inzwischen habe ich eine Menge hinzugelernt: Je mehr ich mich von alten Gewohnheiten und auch Bedürfnissen ganz zu lösen vermag, desto unbeschwerter, freier und leichter fühle ich mich und umso neugieriger blicke ich nach Vorn. So hat beispielsweise der Alkohol in meinem jetzigen Leben so gut wie keine Bedeutung mehr, während er früher ein sehr willkommener und häufig genutzter „Problemlöser“ war. 
Wenn ich heute tatsächlich zu äußerst seltenen Gelegenheiten Alkohol trinke, dann nur mit Bedacht und aus purem Genuss und ausschließlich in der Gesellschaft lieber Menschen. 
Seitdem ich es so handhabe, hat sich vieles verändert: Ich fühle mich deutlich gesünder, bin schlanker geworden und unabhängiger von Süchten. Und Unabhängigkeit bedeutet wiederum tiefempfundene Freiheit für mich.
Durch diese Erfahrungen habe ich für mich erkannt, dass an die Stelle alter Gewohnheiten und Verhaltensweisen immer nur Gutes „nachrückt“, wenn das Loslassen dieser alten Gewohnheiten kein von außen erzwungener oder geforderter  Akt ist. Entschließe ich mich in Freiheit und aufgrund einer selbst gewonnenen Erkenntnis dazu, etwas Altes hinter mir zu lassen, dann dient es immer meiner Entwicklung und ermöglicht mir einen vollkommen neuen Blick auf mich und mein Leben- ganz ohne Anstrengung.

Genesung ist ein individueller Weg
Was ich hier lediglich ausschnittsweise beschrieben habe, ist mein ganz individueller Weg. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass bestimme Qualitäten meines Weges eine gewisse Allgemeingültigkeit besitzen, die für jeden Menschen, der nach Gesundung strebt, hilfreich sein können: Loslassen, Achtsamkeit, die Annahme dessen, was ist, Verzeihen können, Dankbarkeit und Liebe
Wer sich mit diesen Qualitäten intensiv beschäftigt und sich vorurteilsfrei auf sie einlässt, sie auf sich wirken lässt, wird feststellen, dass sich seine Perspektive auf das eigene Leben und auf das jeweilige Schicksal zum Guten hin verändert: Das eigene Leben wird leichter. Man bekommt wieder einen Blick für das Schöne. Begegnungen verlieren ihren Schrecken und werden zu schönen und nachhaltigen Erlebnissen. Vermeintliche Probleme werden kleiner und überschaubarer. Der eigene Horizont weitet sich für neue Möglichkeiten und Ideen. Und: Die eigenen Stärken treten wieder in den Vordergrund.
Wer noch mehr darüber erfahren möchte, wie Gesundheit sich anfühlen und erlangt werden kann, dem sei mein neues Buch „Vom Grenzgänger zum Freien Menschen. Ein Genesungsweg“ ans Herz gelegt. Genesung ist möglich!

11. Mai 2019

Nachdenken über Sprache

Vor kurzem las ich den Satz: "Ich schreibe, also bin ich!" und fühlte mich davon unmittelbar angesprochen und im Innersten berührt. Denn, wann immer intensiv an einem Text oder Gedicht arbeite, fühle ich mich mir selbst auf ganz besondere Weise nah und verbunden. Es ist ein Gefühl von nahezu vollkommener Übereinstimmung mit mir und mit einem Teil meiner Individualität, der ganz und gar in diesem kreativen Prozess aufgeht und wirklich eins mit ihm ist.

Beim Schreiben bekommt der Begriff "Wortschatz" eine ganz neue Bedeutung. Denn es sind tatsächlich unglaublich schöne und reichhaltige "Schätze", die unsere Sprache innewohnen. Je mehr ich mich auf die einlasse und in sie eintauche, umso nuancierter und vielfältiger erscheint sie mir. Mein "Wort-Schatz", mein Vokabular, wird immer größer. Gleichzeitig bemerke ich auch beim Lesen, dass ich das geschriebene Wort immer intensiver und differenzierter erlebe und sich auf diese Weise eine Art eigener, wahrhaft hochwertiger "Sprach-Kosmos" entwickelt, ein feines, intuitives Gespür für die verschiedenen Qualitäten von Sprache.

Ich kann aus ganzem Herzen sagen: "Ich liebe Sprache!" Sie ist so viel mehr als "nur" ein nüchternes, pragmatisches Mittel zur Verständigung und für den Austausch zwischen Menschen. Denn Sprache kann ebenso etwas kunstvolles, der Ausdruck höchster, spiritueller Kreativität sein. Wenn ein Text oder ein Gedicht wirklich "rund" ist, hat die darin verwendete Sprache etwas "räumliches", wahrhaft majestätisches an sich, mit ganz eigener Stimmung und Atmosphäre, genauso, wie das Universum.

Und so, wie die wahrhaftige und tiefe Liebe zu einem anderen Menschen uns dessen wundervolle Einzigartigkeit immer mehr erschließt, verhält es sich auch mit der Liebe zur Sprache: Sie lässt uns eins werden mit ihr und wird zum Seins-Zustand. Ich bin Sprache!


4. Mai 2019

Neue Erkenntnisse zu Vertrauen und Dankbarkeit

Seitdem ich vor über einem Jahr damit begonnen habe, regelmäßig zu meditieren, habe ich mich immer besser kennengelernt. Dabei mache ich immer wieder die Erfahrung, dass keine Meditation der anderen gleicht, sondern, dass jede mir neue Erfahrungen und Erkenntnisse über mein komplexes Innenleben beschert.

Das ist im ersten Moment nicht immer angenehm. Denn insbesondere dann, wenn ich während der Meditation Unruhe, diffuse Ängste und Unzufriedenheit wahrnehme, stehen diese Qualitäten im Gegensatz zu dem, was ich in meinem Leben, in meinem Sein dauerhaft etablieren möchte. 

Auf der anderen Seite ist es aber auch nicht verwunderlich, dass ich genau diese Erfahrungen mache. Denn der Satz "Ich bin", mit dem ich seit geraumer Zeit in der Meditation arbeite, wirkt wie ein alles erhellendes Licht, dem nichts verborgen bleibt. Es ist also genau richtig, dass mir auch dieses Unangenehme immer wieder bewusst wird, damit ich es allmählich umwandeln, transformieren, "erlösen" kann.

Es ist mir dabei eine große Hilfe, dass ich mich gleichzeitig so intensiv mit den Qualitäten Dankbarkeit und Vertrauen beschäftige, und mich darum bemühe, die Substanz dieser Qualitäten immer mehr zu erfassen und ihre Wirkung auf mich zu ergründen und ergebnisoffen zuzulassen. Dabei gelange ich immer wieder zu neuen und wertvollen Erkenntnissen darüber, wie diese Qualitäten zusammenhängen und zusammenwirken

Das "Oberthema", dem ich mich seit Längerem widme, ist das Thema Liebe. Und je mehr ich mich darauf einlasse, umso umfassender erscheint mir dieser Seinszustand. Immer mehr erkenne ich, dass Liebe das genaue Gegenteil von Anstrengung und Kompliziertheit ist. Denn Liebe ist einfach. 

Ich als unvollkommener Mensch dagegen, bin aber nach meiner Veranlagung und aufgrund meiner Biografie kompliziert, und darauf geeicht zu glauben, mich immerzu anstrengen zu müssen; so sehr, dass ich die grundsätzliche Einfachheit des Seins allzu oft aus dem Blick verliere. Ich neige sehr dazu, mich in hochkomplexen Gedanken zu verlieren und zu "verknoten", anstatt einfach "nur" zu sein. Manchmal nahezu verzweifelt, suche ich nach gedanklichen Lösungen, anstatt, innerlich entspannt, meiner Intuition zu gestatten, mich zu leiten.

"Ich bin verbunden mit allem Guten!" Und: "Ich bin vertrauensvoll!" sind die beiden Sätze, die ich heute Morgen während meiner Meditation geschenkt bekommen habe, als mich meine innere Unruhe wieder einmal "hatte". Und mit einem Mal wusste und spürte ich, dass diese beiden Zuschreibungen mich wieder mit meiner Intuition verbinden und mich mit mir versöhnen, mich zurück ins seelische Gleichgewicht bringen. 

Dankbarkeit und Vertrauen sind für mich ganz substantielle, ja "wesentliche" (meinem Wesen elementar zugehörige) und immens wichtige, untrennbar mit der Liebe verbundene, Qualitäten und Leitlinien für mein Leben und mein Sein. 

Liebe ist Vertrauen und Dankbarkeit. Und noch vieles mehr, dem ich mich weiter zuwende.