22. April 2019

Vom Umgang mit Ärger und negativer Energie

Auch wenn es mir inzwischen immer besser gelingt, von meinen Überzeugungen und meiner inneren Haltung abweichende Sicht- und Verhaltensweisen weitgehend gelassen hinzunehmen: Dem Einen oder Anderen gelingt es dennoch, mich mit seinem Verhalten zu "ärgern" oder auch zu "triggern". Dies gilt insbesondere für Menschen, die mir durch ihre Rechthaberei und Kleingeistigkeit auffallen. 

Es sind Menschen, bei denen ich ganz unwillkürlich den Eindruck bekomme, dass es ihnen nicht um einen offenen, gleichberechtigten und wertschätzenden Umgang geht, sondern darum, ihre Überzeugungen und Behauptungen als allgemeingültigen Maßstab für alle anderen Menschen zu proklamieren

Ich habe das Empfinden, sie suchen förmlich bei ihrem Gegenüber etwas, das sie kritisieren und reklamieren können, anstatt sich beispielsweise daran zu erfreuen, dass ihr Gegenüber etwas verstanden und umgesetzt hat, was sie angeregt haben. Werden sie dann darauf angesprochen, reagieren sie, wie getroffen, mit aus der Luft gegriffenen und am eigentlichen Sachverhalt vorbeigehenden Einlassungen. 

Dass mich solche Situationen noch immer auf so unangenehme Weise berühren, hat natürlich in erster Linie mit mir zu tun. Denn wenn mich etwas stört oder gar verletzt, dann trifft es bei mir auf etwas auf, das ich noch nicht vollständig in mir integriert habe. 

Ich verfüge über ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und das starke Bedürfnis, anderen Menschen zur Seite zu stehen, wenn sie ungerecht behandelt werden. Die Ursachen hierfür liegen in meiner Vergangenheit begründet und darin, dass ich mir früher für mich selbst sehnlichst Menschen gewünscht habe, die mir auf genau diese Weise zur Seite stehen und mich vor Ungerechtigkeiten in Schutz nehmen. Insbesondere meine Mutter war eine wahre Meisterin darin, ihre zumeist unausgegorenen Überzeugungen zum Maß aller Dinge zu machen und sie ohne Rücksicht ihrer Umgebung "aufs Auge zu drücken".  

Es ist ein ganz und gar menschlicher Aspekt, im Recht sein zu wollen und zu überzeugen, die vermeintlich "besseren" Argumente zu haben. Ich habe aber inzwischen lernen dürfen, dass die Sichtweisen, die Perspektiven anderer Menschen meine Erfahrungen, meinen Horizont im Austausch auf wundervolle Weise bereichern und ergänzen können. Und ich bin jedes Mal ausgesprochen dankbar dafür. Sobald ich jedoch den Eindruck habe, dass mein Gegenüber mir etwas "überstülpen" möchte, reagiere ich noch immer sehr empfindsam und mit Ablehnung. Auch das ist überaus menschlich. 

Das wirklich Schöne an solchen Erlebnissen ist, dass ich auch daraus etwas lernen kann. Habe ich früher kaum an mich halten können, mit ganzer Kraft in solche Situationen "einzusteigen", mich maßlos aufzuregen, entscheide ich mich heute immer häufiger dafür, an dieser Stelle "auszusteigen" und meine Energie nicht auf etwas derart Ungesundes und Negatives zu verschwenden. Stattdessen lenke ich meine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas Schönes, wie ein gutes Buch, liebevolle Gedanken oder schöne, entspannende Musik. 

Mir sind meine inneren Strukturen mittlerweile sehr bewusst und ich habe sie verstanden. Ich kann sie annehmen und mit Milde betrachten. Und loslassen





1 Kommentar:

Carolin hat gesagt…

Lieber Eckhard, zunächst danke ich dir sehr herzlich für die Wertschätzung und das wechselseitige Lernfeld, welches uns ausmacht und umgibt. Wir zwei tauchen tief, und dies schreibend reflektierend. Ich freue mich über diesen gemeinsamen Weg.
Meine Gedanken zu deinem Text: Es fällt mir nicht leicht zu akzeptieren, dass das mir beim anderen negativ Auffallende auch in mir sein soll. Manchmal ist's meines Erachtens auch komplexer,vielschichtiger, was das Spiegeln angeht. Doch es gibt viele Situationen, bei denen mir im Nachgang auffällt, dass das durachaus auch mit mir zu tun hat. Wenn dir also Rechthaberei und Kleingeistigkeit an anderen Menschen auffallen, wenn es sich ärgert, hast du in irgend einer Form sicher damit zu tun: Sei es, dass du dir diese nicht erlaubst (da du dich selbst so ganz anders wahrnimmst, erlebst), sei es, dass dir diese in jungen (Entwicklungs-)Jahren bei anderen, z.B. deiner Mutter, so unangenehm reingelaufen sind, dass du damit weiß Gott nichts mehr zu tun haben willst.
Interessant ist ja auch, dass wir alle - entsprechend unserer ureigenen Biografie - so unterschiedlich auf Menschen und Situationen reagieren: Da wo du evtl. das Gefühl hast, ein anderer möchte dir etwas "überstülpen", reagiert eine dritte Person wiederum so ganz anders - erlebt dies nicht als "Überstülpen", sondern als sehr angemessene Reaktion auf etwas, das jemand zur Sprache bringen möchte. Letzteres u.U. auch äußerst wohlüberlegt, nicht da ein Kritisierender "förmlich bei seinem Gegenüber etwas (sucht), das er kritisieren und reklamieren kann", sondern da es ihm ein Herzensanliegen ist, dem anderen gegenüber ehrlich und offen zu sein.
Nun hoffe ich, dass ich dir etwas dir Dienliches mitgeben konnte.
Herzliche Grüße aus Ulm sendet dir deine Carolin