9. Dezember 2018

Leseprobe aus "Vom Grenzgänger zum freien Menschen"

Nachhaltigkeit

Ein weiterer, wichtiger Schritt auf meinem Genesungsweg war und ist es nach wie vor, Nachhaltigkeit in dem, was ich denke, fühle und tue, wirklich zu spüren und zu erleben.
Wenn ich beispielsweise früher nach einer Therapiesitzung hoffnungsvoll glaubte, eine wichtige Erkenntnis in Bezug auf mich und meine Erkrankung gewonnen zu haben, dann entpuppte sich diese Erkenntnis in den meisten Fällen als äußerst flüchtig. Und sie verschwand so schnell, wie sie zu mir gekommen war, zusammen mit dem damals so trügerischen Gefühl der Hoffnung.
In fast allen Bereichen meines Lebens verspürte ich während der Zeit meiner Erkrankung einen großen Mangel an Nachhaltigkeit. So erwiesen sich auch meine Liebesbeziehungen als nicht sonderlich haltbar, genauso wie mein Durchhaltevermögen in sämtlichen Lebenslagen. Selbst wenn ich mit großer Begeisterung etwas Neues ausprobieren wollte, war diese Begeisterung ganz schnell verflogen und ich verfiel wieder in meinen alten Trott.
Zunächst betrachtete ich sowohl mein fehlendes Durchhaltevermögen, als auch die Flüchtigkeit von Ideen und Visionen für mein Leben, als einen unabänderlichen Charakterzug von mir - ganz so, wie meine verstorbene Mutter es mir immer eingeredet hatte. Es war ein fest in Stein gehauener Glaubenssatz, mit ironischer Weise überaus großer Nachhaltigkeit.
Erst während der letzten Jahre begann eine zunächst unmerkliche Veränderung: Mit großer Begeisterung und Entschlossenheit fing ich 2011 damit an, Texte und Gedichte für meinen Blog zu verfassen. Und wider Erwarten hielt diese Begeisterung selbst in Zeiten an, in denen ich wegen meiner Depressionen nicht zu viel Aktivität imstande war.
Mit einem Mal fühlte ich eine tiefe Verpflichtung mir gegenüber, dieses Projekt gegen jeden inneren Widerstand fortzuführen. Durch das regelmäßige Schreiben war unversehens ein Samenkorn in mich gelegt worden, das allmählich Wurzeln geschlagen hatte und das erst recht zu wachsen begann, als ich mit meinem Buchprojekt „Grenzgänger“ (2018 neu erschienen bei „literafreakpress“)befasst war. Noch während des gesamten Zeitraums, in dem ich an diesem Buch arbeitete, war ich mir nicht sicher, ob ich es würde zuende bringen können. Umso größer waren dann mein Stolz und meine Zufriedenheit, als ich das erste gedruckte Exemplar in meinen Händen hielt. Es war mir tatsächlich gelungen, etwas zuende zu bringen!
Zur gleichen Zeit bemerkte ich zu meiner großen Überraschung und Freude auch in anderen Bereichen meines Lebens eine Veränderung: Ich erlebte fortwährende Entwicklung und Fortschritte in der Therapie. Dieses Mal aber keinesfalls flüchtig und vorübergehend, sondern nachhaltig.
Ich stellte fest, dass es mir von Sitzung zu Sitzung leichter fiel, mich zu öffnen und mich dabei gleichzeitig auch meinen Mitpatienten voller Empathie zuzuwenden.
Auch die Erkenntnisse, die ich während der Therapie über mich gewinnen konnte, verschwanden nicht mehr, sondern blieben mir erhalten. Als dann meine allerletzte Sitzung vorbei war, wusste ich mit einer gänzlich neuen und tief erfühlten Sicherheit, dass nun ein neues Leben voller faszinierender Möglichkeiten vor mir lag. Und zum ersten Mal überhaupt verspürte ich keine Angst mehr vor eventuellen Rückschlägen. Stattdessen war ich mir gewiss, dass es mir auch weiterhin gut gehen würde. Inzwischen ist über ein Jahr seit dem Ende meiner Therapie vergangen, in dem sich mit großer Deutlichkeit gezeigt hat, dass auch meine Genesung nachhaltig ist.
Henry Ford hat einmal sinngemäß gesagt: „Ob du denkst, dass du etwas kannst oder denkst, dass du etwas nicht kannst: Beide Male hast du Recht!“ Mit diesem einen Satz hat er einen weiteren Aspekt des Gesetzes der Anziehung wunderbar prägnant zusammengefasst: Allein unser Denken entscheidet über Erfolg oder Misserfolg unserer Absichten! Wenn ich schon mit der Gewissheit ohnehin zu scheitern, an eine neue Aufgabe herangehe, dann werde ich scheitern. Und wenn ich mit dem Gedanken, erfolgreich zu sein, an diese Aufgabe herangehe, dann bin ich erfolgreich.
Ob wir uns vorstellen können, eine Aufgabe zu meistern, hängt von unseren Erfahrungen ab. Sind wir in Kindheit und Jugend davon geprägt worden, dass uns Vieles nicht zugetraut wurde, oder, dass wir es charakterbedingt nicht schaffen werden, dann haben wir diesen Glaubenssatz verinnerlicht und bekommen ihn fortwährend durch die niederschmetternden Resultate unseres Handelns bestätigt.
Einer meiner Glaubenssätze lautete: „Ich kann keine Mathematik!“ Entsprechend ernüchternd und frustrierend waren sämtliche Übungen und Klausuren während meiner Schulzeit für mich. Als ich mich dann Jahrzehnte später gänzlich unvoreingenommen und neugierig mit dem Programm „Excel“ beschäftigte, bemerkte ich zu meiner großen Überraschung, dass es mir mühelos gelang, die Gesetzmäßigkeiten dieses Programms nicht nur zu begreifen, sondern sie auch praktisch anzuwenden.
Neugierde, wirkliches Interesse und Unvoreingenommenheit gegenüber Herausforderungen und Aufgaben sind für mich zum Schlüssel geworden, um nachhaltigen Erfolg und Fortschritt zu erleben. Mit Hilfe dieses Schlüssels erlebe ich auch in der Liebe großartige Veränderungen: Ebenfalls zum Ende meiner Therapie lernte ich Petra, eine wundervolle Frau kennen, die inzwischen zur Liebe meines Lebens geworden ist.
Neben erstaunlich vielen Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen gibt es in unserem Miteinander jedoch auch Differenzen und Streitigkeiten, wie in jeder Beziehung. Lebte ich noch immer mit dem Glaubenssatz, dass ich Streitigkeiten und Schwierigkeiten in der Liebe, wie auch in allen anderen zwischenmenschlichen Beziehungen, nicht imstande sei zu bewältigen, dann wäre dieser einzigartige Mensch schon längst nicht mehr Bestandteil meines Lebens.
Weil wir uns aber immer wieder mit wirklichem Interesse, mit Unvoreingenommenheit und Neugierde begegnen, lassen sich sämtliche Hindernisse aus dem Weg räumen und bringen uns sogar noch näher zusammen. Mit diesem wunderbaren Menschen erlebe ich tagtäglich Nachhaltigkeit und Wachstum.
Mein Erleben von Nachhaltigkeit ist aber nicht auf die soeben geschilderten Beispiele aus meinem Alltag begrenzt. Tatsächlich hat Nachhaltigkeit nach und nach Einzug in sämtliche Bereiche meines Lebens gehalten.
So ist auch mein gesamtes Gefühlsleben inzwischen nicht mehr flüchtig, sondern sehr intensiv und bewusst. Das Gleiche gilt für alles, was ich im Laufe eines Tages erlebe: seien es Begegnungen, die noch lange nachwirken, oder auch Gespräche, die auch noch nach Stunden und sogar Tagen sehr detailliert in meinem Gedächtnis verweilen.

Das Wunderbare an dieser Nachhaltigkeit ist, dass sie im Gegensatz zu den Zeiten meiner Erkrankung, nicht länger nur auf die vermeintlich negativen Aspekte meines Lebens beschränkt ist, sondern dass sie gleichermaßen auch das Schöne mit einbezieht. Sie befindet sich inzwischen nahezu in einem Zustand der Balance und ist damit zu einem deutlichen Anzeichen für Gesundheit geworden.

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