30. November 2018

Authentizität und Miteinander - Ein Widerspruch?

Meine Authentizität habe ich mir hart erarbeitet. Denn um überhaupt authentisch sein zu können, musste ich zunächst einmal lernen, wer ich eigentlich bin, was mich ausmacht und was meine innersten Überzeugungen sind. Dieses so allmählich entstandene Bild von mir selbst dann in einem nächsten Schritt auch mit Mut  nach Außen zu tragen, war und ist gelegentlich noch immer eine Herausforderung für mich.

Nach meiner Erfahrung stechen authentische Menschen durch ihre Unangepasstheit hervor. Denn sie vertreten ihre Wertmaßstäbe, ihre Überzeugungen und ihre individuelle Lebensart auch gegen den "Mainstream" gesellschaftlicher Normen und weitverbreiteter Meinungen. Sie nehmen dabei in Kauf, zu polarisieren, gelegentlich anzuecken und sie legen keinen Wert darauf, von jedem Menschen um jeden Preis gemocht und verstanden zu werden. Es bedarf also einer gehörigen Portion von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, authentisch sein zu können. 

Nur authentisch zu sein, ist kein Selbstzweck. Es geht vielmehr darum, die eigenen, langsam und gründlich gereiften Überzeugungen, um seiner selbst und der eigenen Zufriedenheit Willen zu leben. Denn passe ich mich den Meinungen und Überzeugungen anderer Menschen an, dann lebe ich fremd- und nicht selbstbestimmt. 

Mein Leben war über Jahrzehnte fremdbestimmt: von psychiatrischen Diagnosen, Betreuern, Therapeuten und einer äußerst dominanten Mutter, die in mir eine Projektionsfläche ihrer geheimsten Wünsche und Sehnsüchte sah. 

Ich war ein Spielball, ohne eigene Überzeugungen und Wertmaßstäbe und ohne ein wirkliches und erfülltes Leben. Ich mühte mich ab, es anderen Menschen Recht zu machen, Erwartungen zu erfüllen, indem ich meine Bedürfnisse und Gefühle immer wieder zurückschraubte, bis ich sie gar nicht mehr wahrnehmen konnte.

Spätestens seit meiner Genesung im vergangenen Jahr hat sich das Blatt gewendet: Ich lerne immer besser, was mich zufrieden macht, was ich benötige, damit mein Leben wirklich immer mehr zu meinem Leben wird. Dazu gehört auch, dass ich meine Wünsche und Bedürfnisse immer deutlicher an andere Menschen adressiere; auch wenn das bedeutet, dass sie gekränkt oder irritiert sind. Dass sie es sind, liegt nicht in meiner Verantwortung. Denn schließlich sind es ihre Persönlichkeiten und Überzeugungen, die ihre Art zu reagieren bestimmen. Und ich bin kein Hellseher, der in jeder Situation vorausahnen kann, was meine Handlungsweise bei einem anderen Menschen möglicherweise hervorruft. 

Dass mein Handeln jeweils Konsequenzen in jeder möglichen Richtung nach sich zieht, ist mir bewusst. Ebenso, dass ich allein für mein Handeln die Verantwortung trage. Aber ich trage ebenfalls die Verantwortung für mein persönliches Wohlergehen, für meine innere Balance. Und hier gilt es jedes Mal abzuwägen, was wichtiger ist. 

Diese Haltung mag auf den ersten Blick wie Egoismus aussehen. Aber ich glaube, dass eine möglicherweise erstrebenswerte Selbstlosigkeit im Umgang mit anderen Menschen nicht bedeutet, sich selbst aufzugeben und immer zurückzunehmen. Im Gegenteil: Ohne ein gesundes und austariertes Selbstbewusstsein, ist ein ebenbürtiges und respektvolles Miteinander überhaupt nicht möglich. 

Demzufolge liegt es in der Verantwortung beider Seiten, eine Balance zwischen den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen und denen des jeweils anderen, im Miteinander zu erarbeiten. Und hier schließt sich für mich der Kreis: Eine solche Ausgewogenheit ist nur zwischen authentischen und selbstbewussten, reflektierten Menschen möglich. Zwischen Menschen, die sich selbst genügend wertschätzen, um Wertschätzung für einen anderen Menschen überhaupt empfinden und leben zu können. 

Die Balance zwischen sich und einem Gegenüber überhaupt zu finden und auch zu halten, ist nicht immer leicht. Aber es ist nach meinem Dafürhalten überaus lohnenswert, solange dabei nicht in Vergessenheit gerät, dass auch im Miteinander die eigene Freiheit in Gestalt von Authentizität an vorderster Stelle steht.


1 Kommentar:

Carolin hat gesagt…

Danke, Eckhard, dieser Text regt auch mich zum Nachdenken und -spüren an. Interessant. Auch deine Entwicklung. Ich habe den Eindruck, dass du dich nun immer mehr traust, es dir zugestehst, "deine originale Version" (autenticos = als Original bestätigt, alt-griechisch)zu leben - mit Ecken, Kanten, eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Und es nun auch getrost dem anderen überlässt, wie er darauf wiederum reagiert, was es mit ihm macht. Als Verantwortung übernehmender Erwachsener kann ich dann selbst schauen, was ich in die Beziehung trage, wie ich - wie es so schön im Possibility Management heißt "Niemannsland besetze", wo ich evtl. noch eigene Projektionen auflösen darf.
Bahar Yimaz sagte einmal, du verwendest am wenisten Energie, wenn du authentisch bist, sprich wenn das, was du zeigst und tust, dir auch wirklich entspricht - wo Freude, Leichtigket, Flow "am Werk sind". Was wiederum nicht heißt, dass du ständig und überall allen alles zeigen musst;-). Das ist nicht gemeint mit Authentisch-Sein. Authentisch-Sein heißt für mich auch: mich frei kommunizieren, nichts zurückzuhalten, wo eigentlich etwas raus will - Informationen, Wünsche, Gefühle. Zu guter letzt: Authentizität impliziert für mich ebenso: immer wieder neue Seiten entdecken und leben, mich und den anderen überraschen. Alles Liebe zu dir! Carolin