Sonntag, 28. Oktober 2018

Warum Dankbarkeit mir so wichtig ist

Noch vor zwei Jahren war ich ein Gefangener meiner Depressionen. Ich befand mich in Therapie und es fiel mir außerordentlich schwer, positive Gefühle wie Glück, Zufriedenheit oder Freude, in mir überhaupt wahrzunehmen. Stattdessen bestimmten Angst und Unsicherheit meine Gefühlswelt.

Ziemlich genau vor zwei Jahren nahm eine große Veränderung in meiner Selbstwahrnehmung ihren Anfang: Mit einem Mal war ich dazu imstande, liebevolle Anteilnahme und Zuwendung, sowohl durch die Mitglieder meiner Therapiegruppe, als auch durch Freunde und Geschwister wahrzunehmen und zu erleben. Ich empfand Freude und Glück! Und Dankbarkeit für die unglaubliche Wärme, die mir durch diese Menschen zuteil wurde.

Es sollte aber noch längere Zeit dauern, bis ich diesen ungewohnten und bisweilen überwältigenden Gefühlen zu vertrauen lernte. Denn noch immer hatte die Depression mich im Griff. Und die erlebte Freude erwies sich als noch längst nicht nachhaltig.

Nur ganz allmählich erkannte und verstand ich, dass die Gefühle, die mir entgegengebracht wurden, tatsächlich echt und von Dauer waren. Sie beruhten auf Sympathie mir gegenüber und darauf, dass ich mich immer mehr öffnete und mich in meinem So-Sein, wie ich bin, zu zeigen traute. 

Allerdings war es noch ein weiter Weg vom Erleben von Dankbarkeit dahin, diese auch bewusst zu formulieren und auszusprechen. Zwar fühlte ich sie, konnte sie aber noch längst nicht in Worte fassen. 

Erst im Laufe des letzten Jahres, nachdem ich damit begonnen hatte, mich intensiver mit meinem Gefühlsleben und seinen Auswirkungen auf mich und andere Menschen zu beschäftigen, erkannte ich die Bedeutung und Wichtigkeit von Dankbarkeit für mich und meine Genesung. Und je mehr ich mich mit diesem Thema auseinandersetzte und infolgedessen auch Dankbarkeit erfuhr, desto intensiver und nachhaltiger fühlte und erlebte ich ihre heilsame, befreiende Wirkung auf mich. Zusätzlich erlebte ich immer häufiger, dass, je mehr Dankbarkeit ich empfinde und bewusst und zielgerichtet auch an andere Menschen weitergebe, sie daran teilhaben lasse, sie sich spürbar in meinem Leben vermehrt. 

Mittlerweile ist Dankbarkeit ein fester Bestandteil meines Lebens: Meinen Tag beginne ich damit, dass ich unmittelbar nach dem Aufwachen für meinen guten Schlaf, für den neuen Tag, für mein Leben und für meine Gesundheit danke. Auch in meiner Meditationspraxis hat sie inzwischen ihren festen Platz: "Meine Dankbarkeit öffnet mein Herz für alles Gute und Schöne!" ist der Satz, mit dem ich alle meine Meditationen beschließe. Auch vor dem Einschlafen sage ich nochmals Dank für den Tag und für die Begegnungen und Erfahrungen, die ich während des Tages hatte. Auf diese Weise schlafe ich friedlich und mit guten Gedanken ein.

Dankbarkeit bewusst zu praktizieren, ist eine Frage der Übung. Und stumpfe Routine ist der Feind von Aufmerksamkeit und bewusstem Handeln. Deswegen muss ich von Zeit zu Zeit innehalten und mir die Wichtigkeit von Dankbarkeit immer wieder neu vor Augen halten. Denn ansonsten wird sie zum Automatismus und verliert ihre Wirksamkeit. Aus diesem Grund betrachte ich Dankbarkeit für mich als einen Übungsweg, den zu gehen ich mich jeden Tag ganz bewusst entscheide. Und wenn ich etwas erlebe, das Dankbarkeit in mir hervorruft, dann halte ich für einen Moment inne und lasse dieses Erlebnis in mir ganz bewusst nachwirken. 

Dass ich heute diesen Text geschrieben habe, war ein solch bewusster Moment. Es war mir wichtig, diesem Gefühl, das so viel mehr ist als ein bloßes Gefühl, nämlich eine innere Haltung, noch einmal nachzuspüren und ihm Raum zu geben. Für heute und für den Rest meines Lebens.


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