Sonntag, 6. August 2017

Entwicklungsstufen

Nach jahrelangem emotionalem und auch gedanklichem Stillstand – während dessen ich immer wieder um meine altbekannten und allzu vertrauten Themen der Erkrankung und meiner mir schmerzlich bewussten Begrenztheit gekreist bin und vielleicht auch kreisen musste, hat sich jetzt etwas sehr deutlich spürbar verändert.

Meine Emotionen und meine Gedanken scheinen befreit zu sein und stoßen in Tiefen und Dimensionen vor, von deren Existenz ich nichts wusste und die ich für mich auch niemals für möglich gehalten hätte. Es fühlt sich so an, als seinen sämtliche Hindernisse und Blockaden einfach verschwunden – aus dem Weg geräumt – sodass mein Geist sich völlig frei und ungehindert entfalten kann. Meine Depressionen, meine Ängste und meine gesammelten Unsicherheiten, die ihren Ursprung und ihre Berechtigung in meiner überaus traumatischen Kindheit und Jugend und aus meinen sehr schweren und von Scheitern geprägten ersten Lebensjahrzehnten hatten, verlieren zusehends an Macht und Bedeutung. Noch immer werfen sie gelegentlich ihren Schatten und ich kann sie spüren wie einen kalten Windhauch, der mich unwillkürlich frösteln lässt. Aber genauso schnell wie sie gekommen sind, sind sie auch wieder verschwunden.

Wenn ich auf die letzten Monate zurückblicke, dann stelle ich voller ehrfürchtigem Erstaunen fest, dass im richtigen Moment immer auch die richtigen Menschen zur Stelle waren, um mich auf meinem Weg zu begleiten, mich zu unterstützen, zu bestätigen und um mir Mut zu machen. Erst waren es die Menschen in meiner Therapiegruppe, in deren Mitte ich lernen durfte, mich Schritt für Schritt meinen verborgensten Gefühlen zu öffnen, sie geschehen zu lassen und sie als Teil meiner Persönlichkeit zu akzeptieren. Ich erfuhr unfassbar viel menschliche Wärme, Anteilnahme und Mitgefühl, sowie Respekt für meinen Mut. Das alles war neu für mich und gab mir erstmals ein umfassendes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Dieses Gefühl dauert bis heute an – im Gegensatz zu früher, wo selbst starke Gefühle keinerlei Nachhaltigkeit zu entwickeln vermochten. Sie blieben flüchtige Momente.

Jetzt, nach dem Ende der Therapie, bei dem ich im Stillen um die tatsächliche Nachhaltigkeit dieser Erfahrungen fürchtete, haben sie noch immer Bestand und verleihen mir eine tiefe Zuversicht und die Gewissheit, auf meinem richtigen Weg zu sein. Und es gibt gänzlich unverhofft andere Menschen, die plötzlich an meiner Seite sind und die mir ungeahnte neue Impulse verleihen. So habe ich vor einigen Wochen damit begonnen, mich mit dem Thema Hochsensibilität zu beschäftigen und wie aus dem Nichts hatte ich Menschen an meiner Seite, die mich bei diesem Thema begleiten und denen ich mich auf unerklärliche Weise unvorstellbar tief und freudig verbunden fühle.

Als überzeugter Agnostiker lehne ich es eigentlich strikt ab, mich mit „übernatürlichen“ oder „paranormalen“ Themen und Phänomenen zu befassen. Zwar habe ich nie gänzlich ausschließen wollen, dass es Dinge gibt, die sich mit dem normalen Menschenverstand, der alltäglichen Logik nicht erklären lassen. Aber es hatte keinerlei Bedeutung oder Auswirkung auf mein Leben. Und außerdem war ich durch meine von Esoterik und ihren Widersprüchlichkeiten im Alltagsleben stark geprägte Kindheit und Jugend und tief enttäuschende Begegnungen mit überzeugten Esoterikern nicht ganz unvorbelastet. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen war und bin ich ein zutiefst überzeugter Gegner jeder Form von Ideologie.

Insbesondere die letzten Wochen haben mein bisheriges Weltbild jedoch gehörig ins Wanken gebracht. Die jedweder Logik widersprechende und schlichtweg unerklärliche emotionale und geistige Verbindung mit einem mir noch eigentlich unbekanntem Menschen, das tiefste und gänzlich bedingungslose Vertrauen zu – und ineinander und das nur als intuitiv zu beschreibende Verständnis füreinander – all das ist unerklärlich. Und doch fühlt es sich auf eine sehr warme und wohlige Art einfach „richtig“, vertraut und folgerichtig an. Es ist wie die vollkommen logische Konsequenz aus den Entwicklungen der letzten Monate und vielleicht sogar Jahre.

Dieser eine Mensch beflügelt meine Kreativität auf einzigartige Weise und mit einem so tiefen Verständnis für meine Intentionen und für das, was ich zu sagen und zu schreiben versuche, dass es mir den Atem verschlägt. Und ich verspüre eine so sehr innige Dankbarkeit – nicht nur diesem Menschen gegenüber, sondern auch gegenüber – ja wem? Dem Schicksal, einem wie auch immer gearteten Gott, dem Universum?

Für den Moment vermag ich nur festzustellen, dass es womöglich doch so etwas wie eine übergeordnete Instanz, Macht oder Ordnung zu geben scheint, die – wenn man „open minded“ für sie ist – Ihre Existenz unter Beweis zu stellen bereit ist. Wie es weitergeht? Ich weiß es noch nicht, aber ich bin bereit!

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