Donnerstag, 20. Juli 2017

Umbruch, Aufbruch, Neuland

Über dreißig Jahre habe ich mich in unterschiedlichster Intensität und auf vielerlei Weise mit mir und meiner Erkrankung auseinandergesetzt. Und gerade die letzten zwei Jahre waren dabei eine besonders intensive und für mich ertragreiche Zeit.

Durch die sehr intensive und zwischenmenschlich so wundervolle Therapiezeit beflügelt, habe ich neue Betrachtungsweisen gewonnen und gelernt, mich selber auf ganz andere Weise wahrzunehmen, zu verstehen und zumindest in einem ersten Schritt auch wirklich zu akzeptieren. Dabei waren die Hauptthemen meines bisherigen Lebens Angst vor Neuem und mir und anderen Menschen wirkliches Vertrauen zu schenken.

Im Schreiben habe ich meine Nische gefunden, die mich beflügelt und in der ich mich sicher und aufgehoben fühle. Das ist für mein Wohlbefinden, für meine Selbstakzeptanz von wirklich großer Bedeutung. Denn Sicherheit bedeutet für mich, angekommen zu sein und meine Lebenssituation tatsächlich so annehmen zu können, wie sie ist.

Trotzdem bin ich noch immer mit den "alten" Themen befasst und tue mich schwer damit, sie loszulassen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich erst kürzlich die Therapie abgeschlossen habe und nicht einfach die Tür hinter mir schließen kann - ganz so, als sei damit plötzlich alles Vergangene ebenfalls zuende. Vieles wirkt noch nach: Erlebnisse, Erfahrungen und nicht zuletzt die so intensiven Gefühlserfahrungen der letzten Monate. Das alles ist noch sehr präsent. Aber gleichzeitig ist es eben auch noch immer altbekanntes Gelände und weit entfernt von einem vollständigen und umfassenden Neubeginn.

Es ist mir schon immer schwergefallen, alte und bequeme Dinge wirklich loszulassen - auch aus einer undefinierbaren Angst heraus vor dem Unbekannten und aus Angst davor, wieder zu scheitern, wie so oft in meinem Leben. Es sind die alten Denkmuster und Glaubenssätze, die mich in gewisser Weise gefangen halten. Sie sind bequem und sie lähmen mich. Mit einem gewissen Zynismus könnte man sagen: Ich habe Altbekanntes zu meiner neuen Aufgabe erwählt, indem ich ausschließlich über mein bisheriges Leben und über meine Erkrankung schreibe und mich so wieder tief und immer tiefer in dieses Thema eingrabe.

Das Schöne daran ist: Ich bekomme sehr viel an wirklich bestärkenden und sogar bewundernden Rückmeldungen für meine Texte und Gedichte - für ihre Substanz, ihre Tiefe und dafür, dieses Thema anderen Menschen verständlich zu machen, oder dafür, das in Sprache zu bringen, was andere Betroffene selber nicht zu formulieren vermögen. 

In neuen Begegnungen mehren sich die Stimmen, die einerseits das was ich tue, zutiefst bewundern und davon sehr berührt sind. Aber andereseits weisen sie mich immer wieder darauf hin, dass es eben Altbekanntes ist, das mich in meiner Krankheit verharren lässt. Und das gibt mir zu denken und es verunsichert mich.

Wie sähe mein Leben ohne diese "Altlasten" und ohne meine altvertrauten Begrenzungen aus? Wie würde es sich anfühlen, tatsächlich frei zu sein in dem, was ich tue und denke? Was für gänzlich unbeschwerte und unbelastete Begegnungen wären möglich?

Ich werde darüber nachdenken...


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