Freitag, 14. Juli 2017

Überforderung und Depression

Wenn ich psychisch durch zu viele Ereignisse, Erfahrungen und nachhaltige Erlebnisse zu sehr beansprucht werde, weiß ich mir manchmal nicht mehr anders zu helfen, als mich in eine depresive Phase "zu verabschieden". Es ist eine Flucht vor dem "Zuviel", das ich nicht mehr zu ordnen und zu verarbeiten imstande bin. Und gerade in den letzten Monaten ist ungeheuer viel passiert: Der sehr nachhaltige und überwältigende Durchbruch in der Therapie, der mich sehr gefordert, ja überrumpelt hat. Oder die überaus emotionale Auseinandersetzung mit einem lieben Menschen, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Oder mein neu erwachtes Selbstwertgefühl, das mir dazu verholfen hat, mich jetzt als Schriftsteller zu versuchen und mir eine Fülle an spannenden neuen Begegnungen und Erfahrungen beschert.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Fülle an Neuem eigentlich für Jahre ausreichen würde, und ich das alles in komprimierter Form binnen weniger Monate durchlebe - ganz so, als habe ich einen immensen Nachholbedarf an zwischenmenschlichen Lebenserfahrungen, die mir in den letzten Jahrzehnten durch meine Erkrankung verwehrt waren. Aber das alles in angemessener Weise zu verarbeiten, einzusortieren, braucht wesentlich mehr Zeit. Und diese Zeit verschafft mir die Depression, in der ich mich aus allem etwas herausziehen muss, weil ich ansonsten Gefahr laufe, ganz zusammenzubrechen.

Ich hatte in meinem Leben viele, ja vielleicht auch zu viele Zusammenbrüche, während derer überhaupt nichts mehr ging und ich vollständig gelähmt war - unfähig zur Veränderung und ebenso unfähig, mir Zugang zu meinem Inneren zu verschaffen. Das ist heute anders: Ich habe Zugang zu meinen Gefühlen, nehme sie überaus deutlich wahr und es gelingt mir allmählich, ihnen den gebührenden Platz zuzuweisen. Aber das kostet mich sehr viel Kraft - und Kraft ist eine äußerst begrenzte Resource.

Aber auch meine depressiven Phasen haben sich spürbar verändert: Während sie früher das Gefühl völliger Hilflosigkeit und von machtlosem Ausgeliefert-Sein mit sich brachten und ich mich vollständig von meiner Umwelt abschirmen musste, weiß ich heute, dass sie nicht das Ende der Welt bedeuten. Meistens halte ich auch trotz Depression den Kontakt zu meiner Umwelt aufrecht, auch wenn es mir schwer fällt. Und unter großer Kraftanstrengung gelingen mir kleine Schritte, die mich zumeist nach wenigen Tagen aus der der Erschöpfung und der leisen Resignation hinausführen. Das sehe ich als Fortschritt. Während ich früher voller Scham und Angst verstummt bin, habe ich heute keinerlei Scheu mehr, mir vertrauten Menschen mitzuteilen, dass ich eine Auszeit benötige. Ich teile mich mit und bleibe so trotz Rückzug für andere Menschen sichtbar. Das ist wichtig und gut!

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