Montag, 17. Juli 2017

Neue Wege und Hindernisse

Seit über dreißig Jahren lebe ich nun mit meiner psychischen Erkrankung, die mein Leben von Anfang an sehr eingeschränkt und bisweilen auch unerträglich gemacht hat. Ich habe über zehn Jahre mit ihr gelebt, ohne überhaupt zu wissen, dass sie existiert. Ich habe lediglich gespürt, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt und mich mit aller Macht daran hindert, im Leben wirklich Fuß zu fassen.

Die erste psychiatrische Diagnose Mitte der Neunzigerjahre brachte dann die Erklärung und eine zunächst große Erleichterung. Trotzdem habe ich viele Jahre damit verbracht, unter der Krankheit zu leiden, wie auch an meinen Einschränkungen und den mit ihr einhergehenden sozialen Defiziten. Ich habe versucht, mich gegen die Krankheit zu wehren, habe sie geleugnet und ignoriert - mit dem Ergebnis, dass meine Gegenwehr nicht nur vergeblich war, sondern auch unendlich viel Kraft gekostet hat.

Irgendwann hat meine Einstellung sich unmerklich geändert: Ganz allmählich und von Rückschritten begleitet, habe ich gelernt, mit der Krankheit zu leben, sie als Teil meines Lebens zu akzeptieren aber noch immer ohne zu wissen, was ich aus meinem Leben machen kann. 

Im Rückblick war dies wohl die schwerste Zeit: Ohne eigene Ideen in den Tag zu leben, mich zu langweilen und genau daran zu verzweifeln und regelmäßig in Depressionen zu versinken. Erst die letzten beiden Jahre haben den entscheidenden Durchbruch gebracht: Indem ich damit begonnen habe, mich kreativ und schreibend aktiv mit den Geschehnissen, meinen Gefühlen und meinem Leben auseinanderzusetzen und andere Menschen bewusst daran teilhaben zu lassen. Das hat meine Sichtweise auf mich entscheidend gewandelt und mir sehr dabei geholfen, wirklichen Zugang zu meinen Gefühlen zu bekommen und sie ganz bewusst zu er- und zu durchleben. 

Dadurch bin ich sichtbarer und authentischer geworden - eben viel mehr ich selber, als ich es jemals war. Das ist noch immer sehr ungewohnt und gelegentlich bin ich von der Fülle meiner Möglichkeiten und der neuen Eindrücke heillos überfordert. Ich bewege mich in vollständig unbekanntem Gelände, muss mich vortasten ohne zu wissen, was mich erwartet. Und manchmal birgt dieses "Neuland" auch Enttäuschungen; nämlich dann, wenn ich merke, dass meine neugewonnene Offenheit nicht nur auf Gegenliebe stößt, sondern andere Menschen auch abschreckt. 

In letzter Zeit muss ich insbesondere bei der Partnersuche immer wieder die schmerzhafte Erfahrung machen, dass meine Art zu leben und Schwerpunkte zu setzen, nicht mit allen kompatibel ist. Und auch wenn mir grundsätzlich viel Sympathie und selbst Bewunderung entgegengebracht wird - wirklich darauf einlassen möchte sich bisher niemand. Das schmerzt, denn auch eine noch so verständnisvolle und für mich verständliche Zurückweisung bleibt eine Zurückweisung.

Natürlich verstehe ich, dass nicht jede noch so interessante und unkonventionell denkende Frau einen Mann sucht, dessen finanzielle Möglichkeiten sehr limitiert sind und der sich aktiv mit seiner Erkrankung auseinandersetzt. 

Frauen in meinem Alter möchten das Leben genießen, Reisen machen und suchen oft die Schulter zum Anlehnen und wirklich Ankommen. Sie möchten emotionale Sicherheit und Geborgenheit und damit etwas, das ich (noch) nicht in der Fülle zu geben vermag. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, denn schließlich entspricht es genau meinen Sehnsüchten. Diese Sehnsüchte sind sehr groß und auch fordernd. Das macht mich verletzlich und ungeduldig - keine wirklich guten Voraussetzungen für ein entspanntes Kennenlernen.

Aber es ist auch eine Herausforderung, der ich mich stellen möchte und aus der ich wieder einmal eine Menge lernen kann!


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