Dienstag, 13. Juni 2017

Teaser zur überarbeiteten Version von "Grenzgänger"

Um euch einen ersten Eindruck von der neuen Version von Grenzgänger zu bieten, hier ein Textauszug:

Therapie - Erfolge

Manche Dinge benötigen einen längeren Zeitraum, um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Und manchmal müssen auch erst die Voraussetzungen geschaffen werden, damit eine Therapie tatsächlich dauerhafte und sichtbare Veränderungen bewirken kann.


Sich völlig öffnen zu können und auf Wirkungen einzulassen, erfordert große Überwindungskraft und sehr viel Mut. Denn in einer Psychotherapie geht es immer darum, alte Verletzungen aufs Neue zu betrachten und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen – und das kann außerordentlich schmerzvoll und verstörend sein. Es kann passieren, dass alte Wunden dabei wieder aufreißen, dass man sich erneut komplett schutz- und hilflos fühlt – so wie in der Vergangenheit – und sich wieder einmal als der nirgends wirklich dazugehörige Außenseiter empfindet. Das auszuhalten und trotzdem „am Ball“ zu bleiben, erfordert vor Allem Eines: Tiefes Vertrauen!


Wie ich bereits geschildert habe, ist gerade fehlendes Vertrauen sowohl in meine eigenen Stärken und Fähigkeiten, aber auch und insbesondere in meine Mitmenschen, eine Art Lebensthema für mich. Und umso größer ist für mich der Schritt gewesen, mich vollständig zu öffnen, und anderen Menschen meine Ängste, Traumata und Unsicherheiten zu offenbaren – absolut ehrlich, am Ende meiner Kräfte und nicht wissend, wie diese damit umgehen würden. 


Ich habe viele Jahre dafür gebraucht zu erkennen, dass dieser Schritt der einzig mögliche ist, um die erlittenen Verletzungen meiner Seele ganz allmählich, dafür aber andauernd und wirksam, ihrer Wucht und Einflussnahme auf mein komplettes Leben zu berauben. Dabei ist diese so spät gewonnene Erkenntnis für sich allein noch kein Heilmittel; sie muss jedes Mal unter größter Überwindung und unter Auferbietung aller meiner Kräfte in die Tat umgesetzt werden. Und wie oft bin ich in den letzten zwei Jahren aus der Therapiestunde gegangen mit dem sicheren und vernichtenden Gefühl, dass alle Kraftanstrengung vergebens war und, dass ich niemals eine dauerhafte Besserung meines Leidens erfahren würde.


Psychische Erkrankungen sind tückisch. Sie verweigern sich jeder Logik und Gesetzmäßigkeit und folgen ihren ganz eigenen Regeln. Für einen Menschen wie mich, dem klare Strukturen, Verlässlichkeit und Transparenz so wichtig sind, ist so etwas nur sehr schwer auszuhalten. Ich benötige Überschaubarkeit in allen Bereichen meines Lebens, damit es mir gut geht und ich mich sicher fühlen kann. In einer Psychotherapie lässt sich all das aber nicht finden. Und damit sind wir wieder beim Thema Vertrauen.

Ich musste lernen, mir und meinem Gefühl, das Richtige zu tun, zu vertrauen. Und ich musste lernen, der Kompetenz und dem Willen des Therapeuten, mir helfen zu wollen, zu vertrauen. Und nicht zuletzt musste ich lernen, meinen Mitpatienten dahingehend zu vertrauen, dass sie dazu imstande sein würden, meinen Schilderungen zu folgen und sie richtig zu verstehen, ohne mich für das Geschehene und meine oft sehr verwirrenden und moralisch fragwürdigen Handlungsweisen in der Vergangenheit zu verurteilen und ein verzerrtes Bild von mir zu bekommen. Um im Rückblick glaube ich, dass der letzte auch der schwerste Schritt für mich gewesen ist.


Mein Vertrauen ist reichlich belohnt worden: Gerade in den Momenten, wo ich am Boden lag und in meiner Verzweiflung nicht mehr weiter wusste, habe ich so viel an Rückhalt, an Ermutigung und an Bewunderung für meinen Mut erfahren, dass mir die Worte fehlen, meine Gefühle zu beschreiben. Nach ungezählten Jahren der gefühlten Unsichtbarkeit, der Zurückweisung und der Ignoranz bin ich nun mit allen meinen Facetten sichtbar geworden und habe an Konsistenz, an Glaubwürdigkeit und vor allem an Authentizität gewonnen.


Für meine Mitmenschen bin ich als Mensch erlebbarer geworden und für mich selber um ein Vielfaches reicher an Mut und Erfahrung. Noch immer ist das alles sehr ungewohnt und fühlt sich bisweilen „nicht richtig“ an. Aber mit jedem Mal, dass ich meine Angst überwinde, mich öffne und mein Innerstes zeige, wird es ein wenig leichter und „normaler“. Und darauf kommt es an.

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