Samstag, 4. März 2017

Noch einmal: Angst

Bei lauten Geräuschen, wie dem Klingeln des Telefons, oder der Türglocke, zucke ich schreckhaft zusammen, und mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich habe Angst – große Angst. Am liebsten würde ich mich verstecken und einfach nur meine Ruhe haben. Meine Gedanken kreisen zwanghaft um das Geschehene und ich suche verzweifelt nach Auswegen aus der Situation. Ich fühle mich überfordert und alleingelassen - und die Angst lähmt mich. Obwohl ich todmüde bin, kann ich nicht einschlafen, denn meine Gedanken kreisen noch immer um das Geschehene und ich male mir in den düstersten Farben aus, wie die Situation immer weiter eskaliert, ohne das ich etwas dagegen unternehmen kann. Ich kann mich nicht dagegen wehren, meinen Gedanken keine andere Richtung geben, so sehr ich es mir auch wünsche und wie sehr ich es auch versuche – ich bin wieder mitten im Geschehen.
Ich versuche, mir Mut zu machen und mich auf meine Stärken zu besinnen – als Gegengewicht zu dem Chaos, das sich in meinem Inneren breitgemacht hat. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen, aber der Schlaf ist unruhig und nicht wirklich erholsam. Gerädert wache ich am Morgen auf, und noch vor dem ersten Kaffee ist alles wieder präsent und die Angst hat mich wieder.
Ich möchte mich mitteilen, mich erleichtern, aber kann die Worte in dem brennenden Knoten in meiner Magengegend nicht finden um zu beschreiben, was genau sich in meinem Innern abspielt. Ich bestehe aus Angst. Verzweifelt suche ich nach Ablenkung – lege eine CD ein, versuche zu lesen. Aber die Angstgedanken lassen sich nicht abschütteln oder verdrängen. Immer wieder steigen sie in mein Bewusstsein, ergreifen Besitz von mir.
Nach endlos erscheinenden Tagen nimmt sie allmählich ab. Ich werde ruhiger, kann wieder entspannen und klar denken. Und bin unendlich erleichtert, dass der Alptraum vorüber ist. Nur noch flüchtige Gedanken an das Geschehene sind im meinem Kopf und sie werden schwächer und schwächer – verlieren ihren Schrecken. Und allmählich begreife ich, dass all das sich nur in meinem Kopf, in meiner auf Negatives fokussierten Fantasie ereignet hat. Meine Angst hat in der realen Welt keinen Gegenpart. Jedenfalls keinen, der ihr Ausmaß und ihre Gewalt rechtfertigen könnte.
Ich bin mit starken Ängsten aufgewachsen und habe nie die Erfahrung machen dürfen, aufgefangen und für mich erlebbar und nachhaltig beschützt zu werden vor Ungerechtigkeiten und Übergriffen. Es gab niemanden, der mich in der Arm genommen hat, um mir Trost zu spenden, mich zu beruhigen und mir meine Angst zu nehmen. Statt dessen ist sie mir als Feigheit ausgelegt worden – ein verachtenswerter Charakterzug in den Augen meiner Mitmenschen. So hat sie mich über die Jahre hin begleitet – ohne helfendes Korrektiv - und war immer Bestandteil meiner Handlungen und Entscheidungen. Und doch war sie manches Mal durchaus berechtigt: Nämlich dann, wenn mein oft böswilliges Handeln Konsequenzen nach sich zog – sei es durch ein Donnerwetter meiner Mutter, oder durch die Anklageschrift einer Staatsanwaltschaft. Aber sie war genauso berechtigt, wenn ich schutzlos und auf mich allein gestellt der Willkür anderer Kinder ausgesetzt war, und mich nicht zu wehren vermochte.
Noch heute verspüre ich sie gelegentlich vor für mich schwierigen Situationen: Seien es Gespräche über unangenehme und sehr persönliche Themen, oder auch bei Menschen, die durch ihr Verhalten mir gegenüber üble Erinnerungen in mir hervorrufen. Dann werde ich wieder zu dem kleinen, ängstlichen Jungen, dem seine Umwelt feindlich und unberechenbar erscheint, und der sich nur durch Flucht und schier atemloses Verstecken zu helfen weiß.



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