Sonntag, 6. November 2016

Sprachlosigkeit

Inmitten meiner Depression verliere ich auch meine Sprache. Nicht im wortwörtlichen Sinn, denn natürlich kann ich auch jetzt schreiben und sprechen. Aber die richtigen Worte zu finden, fällt mir zunehmend schwer - genauso, wie mich gegenüber mir nahestehenden Menschen zu öffnen - ohne mich zu sehr ins Allgemeine und zunehmend Abstrakte zu flüchten. Ich erwische mich immer häufiger dabei, wie ich Wort an Wort setze, ohne wirklich etwas von mir preiszugeben und leide darunter, fühle mich schlecht deswegen, und schäme mich meiner Hilflosigkeit und meiner Unfähigkeit, mich mitzuteilen. Gleichzeitig befinde ich mich in einem moralischen Konflikt: Ich habe das Gefühl, gegenüber den anderen nicht aufrichtig zu sein und ihnen etwas zu verschweigen - entgegen meinem Bestreben nach Aufrichtigkeit und meinem Bemühen um Authentizität, denen ich aber nicht im Enferntesten gerecht werden kann und die für mein Empfinden schon beinahe etwas Zwanghaftes haben.

Warum ist das so, wo doch Sprache mein Medium ist, meine Verbindung zu anderen Menschen? Ich habe einfach Angst davor, mich zu offenbaren und etwas von mir zu zeigen, das mich angreifbar macht und mich der Lächerlichkeit preisgeben könnte. Diese Angst ist wirklich groß, denn zu oft musste ich die Erfahrung machen, dass meine Nöte für andere Menschen keine Rolle gespielt haben, verharmlost und gründlich missverstanden wurden. Und immer wieder gab ich auch mir die Schuld dafür, denn schließlich hatte ich diese zutiefst verletzenden Reaktionen meiner Mitmenschen meinem eigenen Unvermögen, meiner Andersartigkeit und offensichtlichen Unscheinbarkeit zugeschrieben. Zu selten wurde ich wirklich wahrgenommen, und  dieses Gefühl hat sich tief in meine Seele eingefressen. So tief, dass es immer wieder zum Vorschein kommt, wenn es mir wirklich schlecht geht - so wie jetzt.

Und scheinbar ist diese Situation ein unlösbares Paradoxon: Denn auf der einen Seite sehne ich mich nach Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Zuwendung, nur um im nächsten Augenblick davor zurückzuschrecken - aus Angst vor seelischer Misshandlung und Zurückweisung. Und dieser innere Konflikt lässt mich jedes Mal innerlich erstarren und um Worte ringen. So flüchte ich mich ins Abstrakte, mache mich unangreifbar und verfluche mich im gleichen Augenblick dafür, dass ich die Chance, mich zu offenbaren und zu überwinden nur allzu selten zu nutzen vermag.

Selbst das Schreiben kostet mich große Überwindung. Auch wenn ich weiß, dass ich gelesen werde und vielleicht der (die) Eine oder Andere mich sogar versteht. Wobei: Wenn schon ich mich selber kaum verstehe, wie sollen es andere Menschen dann? Ich bin mir selber ein Rätsel und verstehe mich - wenn überhaupt - nur auf einer sehr abstrakten und eher unpersönlichen Ebene. Alles wirklich Persönliche - meine Erlebnisse, Erfahrungen - sind nicht wirklich ein Teil von mir, sondern fühlen sich an, als habe sie ein Fremder durchlebt und auch durchlitten - aber nicht ich selber. Und vielleicht spiegelt sich dieses Phänomen auch in meiner Ausdrucksweise wider. Nur ganz selten gelingt es mir, Erlebtes tatsächlich unmittelbar zu spüren und werde dann von meinen Gefühlen überwältigt - bin sprachlos und ringe im wahrsten Sinn des Wortes darum, die passenden Worte zu finden. So wie jetzt auch.





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen