Freitag, 2. September 2016

Grenzerfahrungen

Nachdem ich in den letzten Jahren vorwiegend damit befasst war, mich mit meiner Erkrankung auseinanderzusetzen, und ein sehr begrenztes, recht eintöniges Leben geführt habe - mit nur wenigen Kontakten zur Außenwelt - stehe ich jetzt vor einer großen, aber selbst gewählten Aufgabe: Das Gelernte im Alltag auf seine Tauglichkeit zu verifizieren und praktisch zu erproben.
Ich habe mich intensiv mit meinen Schwächen und Begrenzungen auseinandergesetzt, und auch damit, was wichtig ist, damit es mir gut geht. Denn meine Kräfte sind limitiert, und meine Belastbarkeit stößt oft an ihre Grenzen. Ich habe gelernt, damit zu leben und die Situation, so wie sie ist, zu akzeptieren. Diejenigen Menschen, die mit mir vertraut sind, können damit umgehen, und benötigen keinerlei Erklärungen und Rechtfertigungen von mir, wenn ich nicht so "funktioniere" wie es ein vermeintlich gesunder Mensch tut. Aber die Menschen, die ich jetzt neu kennenlerne - sei es privat, oder durch den Job - wissen das alles nicht, und bei ihnen kann ich Toleranz und Verständnis nicht stillschweigend voraussetzen. Also muss ich für mich herausfinden, in welchem Maß ich mich ihnen anvertraue, mich ihnen gegenüber öffne, oder in wie weit ich mich beherrschen lernen muss, um sie nicht zu überfordern. Für mich ist das ein sehr schmaler Grad, auf dem ich mich da bewege - ohne jeden Erfahrungswert.
Die Interaktion mit mir unbekannten Menschen war schon immer eine Herausforderung für mich - verbunden mit vielen Unsicherheiten und Ängsten. Früher konnte ich mich hinter Lügen und gut sitzende Masken verstecken, wenn es unbehaglich wurde. Heute möchte ich das nicht mehr - zu sehr hat es mir und anderen geschadet. Also geht es jetzt darum zu lernen, einerseits authentisch zu sein, aber andereseits meinen Einschränkungen und mir genügend Aufmerksamkeit zu widmen, um mich selber nicht zu überfordern, oder überfordert zu werden.
In gewisser Weise geht es dabei auch darum, mir ein etwas dickers Fell zuzulegen, damit ich im Alltag bestehen kann, und mich schwierige Situationen nicht komplett aus den Schuhen hauen. Das fordert mich zur Zeit sehr und erschöpft mich. Aber es ist auch eine große Chance, wieder am "normalen" Leben teilzuhaben - als ebenbürtiger und gleichberechtigter Mensch, der sich nicht nur durch seine Erkrankung, seine Schwächen und Einschränkungen definiert und definieren lässt. Das wird Zeit und Geduld brauchen - die nur ich mir zugestehen kann.

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