Mittwoch, 1. Juni 2016

Gefühlswege

Wer wie ich über einen sehr langen Zeitraum in gefühlsmäßiger Gleichförmigkeit - oder Ödnis - gelebt hat, und nur von Gefühlen wie Einsamkeit, Angst und Depression begleitet wurde, wird vermutlich genauso empfinden wie ich, wenn er dieses Tal unversehens hinter sich gelassen hat. Es ist unbeschreiblich schön, wieder am Leben teilzuhaben, neue, gänzlich unbeschwerte Begegnungen zu haben, und zu spüren, dass man lebendig ist.

Zur Zeit bekomme ich wieder das volle Spektrum an Gefühlen serviert. Und so schön es auch ist, es fordert, und überfordert mich. Es ist so, als wenn völlig vernachlässigte Muskeln plötzlich wieder gefordert und beansprucht werden: sie schmerzen, und müssen an ihre Betätigung erst wieder gewöhnt werden. Und niemand wird ernsthaft von einem ehemals Gelähmten erwarten, ohne entsprechende Vorbereitungszeit und Training den Ironman zu absolvieren.

Ich bin wieder im Besitz meiner vollständigen Menschlichkeit, die ich lange, und auch dauerhaft verloren glaubte. Dazu zählt auch, mich wieder verlieben zu können, und zu wollen. Aber ich brauche Zeit, mich an dieses äußerst diffizile Gefühl wieder heranzutasten und Zeit, mich darin behutsam ausprobieren zu können. Die letzten zehn Jahre hatte ich dazu keine Gelegenheit. Und ich bin mir sehr wohl dessen bewusst, dass damit auch ein hohes Maß an Verantwortung für das Wohlbefinden (sowohl für mich selber, als auch für das des Menschen an meiner Seite) einher geht.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, in der viel verloren gegangen ist: mein Selbstvertrauen, aber auch das Vertrauen in die Aufrichtigkeit des möglichen Gegenübers. Das macht es zur Herausforderung für beide Seiten. Und es braucht Geduld - auch von beiden Seiten. Das könnte schwierig werden, aber ist nicht unmöglich.

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