Donnerstag, 9. Juni 2016

Bin ich beziehungsfähig?

Diese (bisweilen äußerst existentielle) Frage begleitet mich mit Unterbrechungen seit vielen Jahren - ohne dass ich jemals auf den Gedanken gekommen wäre, mit ihr die eigentlich noch wichtigere Frage zu verknüpfen, was Beziehungsfähigkeit für mich überhaupt bedeutet. Die jüngsten Ereignisse aber veranlassen mich, mir dieses Mal diese eigentlich viel bedeutsamere Frage zu stellen, nachdem meine Beziehungsfähigkeit von anderer Seite grundsätzlich mit großer Vehemenz und ebenso großer Unkenntnis meines biografischen, und vor allem ethischen Hintergrundes, pauschal angezweifelt worden ist.

Ich bin ein komplizierter und vielschichtiger Mensch - bisweilen unbequem, und für andere Menschen vielleicht manchmal auch eine Herausforderung, oder sogar Zumutung. Aber auch ich habe meine lichten Momente wenn es darum geht, anderen Menschen Achtung, Anerkennung und vor allem Respekt entgegenzubringen, und sie in ihrer Einzigartigkeit, oder auch Andersartigkeit keinesfalls zu hinterfragen, oder gar zu kritisieren. Im Gegenteil: Im Grunde wertschätze ich zunächst einen jeden Menschen der mir begegnet; unabhängig von seiner Herkunft, seinen Überzeugungen und seinem Geschlecht. Natürlich kann auch ich nicht mit jedem Menschen, und werde durch meine subjektiven Sympathien und Präferenzen beeinflusst - wie jeder andere Mensch auch. "Erschwerend" kommt bei mir noch hinzu, dass mein Sozialverhalten, und damit mein Umgang mit anderen Menschen, durch gravierende Erfahrungen und Traumata entscheidend geprägt wurde. Und damit natürlich auch (und gerade) mein Verhältnis zum anderen Geschlecht. Aber was bedeutet das konkret? Mein Verhältnis zu Frauen war über viele Jahre von vielen Unsicherheiten beeinflusst: insbesondere in Bezug auf mein Selbstvertrauen, und im Hinblick darauf, ihnen in jedem Fall gefallen zu wollen. Das führte dazu, dass ich jeden Konflikt nahezu panisch vermieden -, und mich zu oft ihren Bedürfnissen angepasst habe. Und es hatte zur Folge, dass meine Beziehungen irgendwann mehr oder minder heftig implodiert sind.

Über viele Jahre habe ich mich selber als zu "krank" erlebt, als dass ich mich einer Frau hätte zumuten wollen. Und es war ein langer und mühsamer Weg, mich meiner Traumata und ihrer Folgen zumindest weitgehend zu enledigen - verbunden mit dem Gewinn einer neuen Betrachtungsweise, einer neuen Einstellung zu mir, die alle Facetten meiner Persönlichkeit berücksichtigt und einschließt. Damit untrennbar verbunden ist die Fähigkeit, mich ein wenig in mein Gegenüber einfühlen zu können, seine Bedürfnisse zu erkennen und danach zu handeln. Aber ebenso untrennbar sind diese Fähigkeiten, und meine Bereitschaft mich einzulassen mit den Eigenschaften und der Persönlichkeit meines Gegenübers verbunden. Und somit hängt das aufeinander Eingehen können von beiden Seiten ab. Je mehr Vertrauen, Zuneigung und Verständnis gegenseitig und im Miteinander entstehen können, auf umso sicherem Fundament stehe ich, und damit auch die Beziehung. Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass Fähigkeiten sich erst im Miteinander wirklich entwickeln und entfalten können, in der Resonanz des Gegenübers. Sie entstehen nicht vorgefertigt im luftleeren Raum ohne die Möglichkeit des Übens.

Ich nehme für mich in Anspruch, ein reflektierter Mensch zu sein der fähig ist, sein Verhalten zu hinterfragen, und eigene Fehler nicht nur einzusehen, sondern auch aus ihnen zu lernen. Das war nicht immer so - sondern es hat sich mit den Jahren entwickelt. Und ich denke, dass wenn Beziehungen scheitern, nicht nur einer allein die Schuld daran trägt- sofern es dabei überhaupt um Schuld geht. Sondern es ist immer das Zusammenspiel beider Seiten, von dem das Gelingen, oder auch das Scheitern abhängt.

Damit komme ich zurück zur Ausgangsfrage: ob ich beziehungsfähig bin, hängt auch immer von meinem Gegenüber ab, und von der Qualität der Begegnung, der "Chemie" und der Verlässlichkeit auf mehreren Ebenen. So kann die Antwort nicht "ja" oder "nein" lauten, sondern: "es kommt darauf an".


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