Dienstag, 10. Mai 2016

Mitgefühl

Viele Dinge verändern sich. Und ich offensichtlich auch. Seit einiger Zeit beobachte ich an mir, dass ich mich innerlich viel freier und souveräner fühle, als noch vor einigen wenigen Monaten. Ich erlebe Gefühle wie Freude, Zufriedenheit, Dankbarkeit und Mitgefühl um ein Vielfaches intensiver und unbeschwerter - und das nicht nur auf mich bezogen, sondern auch und vor allem in Bezug auf andere Menschen. Ich bekomme viel unmittelbarer mit, wie es meinen Mitmenschen geht, und fühle mich dadurch nicht länger verunsichert und hilflos.

Früher bin ich immer wieder in Situationen geraten, deren unmittelbares Leiden mich komplett überfordert haben, und auf die ich folglich innerlich vollkommen panisch und wie erstarrt reagiert habe - ja sogar reagieren musste. Ich hatte immer irgendwelche Floskeln parat, deren Bedeutungslosigkeit und Hohlheit mir im Moment des Aussprechens schamhaft bewusst waren, und die ich am liebsten sofort zurückgenommen hätte. Ich habe dann immer verzweifelt gehofft, es möge meinem Gegenüber nicht auffallen, wie phrasenhaft meine Worte klingen - selbst, wenn das Gesagte durchaus ehrlich gemeint war.

Meine Mutter pflegte zu sagen: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Vermutlich ist ihr durch die eigene Doppelmoral die Phrasenhaftigkeit ihrer Aussage nicht einmal aufgefallen. Ich jedenfalls dachte immer: "Red du nur", und fühlte mich im gleichen Moment trotzdem ertappt und unsanft auf mein Unvermögen hingewiesen. Und es bestärkte mich darin, über Mitgefühl, oder über das Helfen-Wollen lieber zu schweigen, um nicht nicht wieder ihren Weisheiten ausgesetzt - und auf meine Hilflosigkeit hingewiesen zu werden.

Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, selbst durch kleine Gesten einem anderen Menschen helfen zu können, und seine Dankbarkeit und Überraschung zu spüren, weil er damit nicht gerechnet hat. Und ich wundere mich über mich selber, zu solchen Gesten plötzlich imstande zu sein, ohne lange überlegen zu müssen, und ohne in Schockstarre zu verfallen - wie früher. Das macht mich dankbar und unsagbar froh, denn ich erlebe, dass ich zu mehr imstande bin, als nur wohlgestaltete Worte und Sätze zu bilden - auch wenn sie absolut ehrlich gemeint, und authentisch sind. 





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