Mittwoch, 25. Mai 2016

Kritikfähigkeit

Vor nicht allzu langer Zeit hat Kritik - und war sie noch so positiv formuliert - mich immer zutiefst verunsichert. Sie brachte mich dazu, mich und meine Lebensführung, und mein Selbstverständnis grundsätzlich infrage zu stellen, und ließ mich an allem zweifeln, was ich meinte erreicht zu haben. Und aus diesen Gründen war Kritik für mich immer vor allem Eines: Übergriffig!
Ich fühlte mich in meiner Gesamtheit unzulässig angegriffen und nicht ernstgenommen. Dabei spürte ich in meinem Inneren, dass die Kritik an mir nicht grundsätzlich falsch war, und dass meine Handlungsweisen nicht in jedem Fall für Alle nachvollziehbar, oder logisch waren. Im Gegenteil: ich selber konnte mich und mein Tun oftmals nur schwer verstehen, denn es war sprunghaft und impulsiv, und oft auch nur ein Akt blanker Verzweiflung.
Noch heute löst Kritik bei mir als allerersten Impuls Verunsicherung aus. Zwar begreife ich sie nicht länger als Generalangriff auf mich, aber es fällt mir noch immer schwer, sie als das zu begreifen, was sie (in den meisten Fällen) ist: wohlmeinende und differenzierte Auseinandersetzung mit mir, gepaart mit echtem Interesse.
Die Leser meines Buches wissen, dass Aufmerksamkeit für mich früher immer eine äußerst negative und angstbesetze Angelegenheit war, die zu häufig mit Demütigungen und Vorwürfen einherging. Dass sie auch wohlwollend, oder gar liebevoll gemeint sein könnte, war in meinen Erwartungen überhaupt nicht vorgesehen. Für Viele mag das unvorstellbar sein - für mich war es bittere Realität.
Allmählich lerne ich, dass Kritik, wie so vieles im Leben, zwei Seiten hat, oder haben kann. Sie kann bösartig sein und darauf abzielen, den anderen zu verletzen. Aber in vielen Fällen - und das beziehe ich ausdrücklich auch auf mich und die Menschen in meinem Umfeld - ist sie konstruktiv und ermutigend gemeint. Sie bietet mir die Chance zu wachsen und zu lernen. Und es liegt an mir, sie ergreifen.

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