Sonntag, 29. Mai 2016

Irritationen

Gestern habe ich unversehens eine ehemalige, und damals wirklich gute Freundin wiedergetroffen. Und vom Gefühl her war das so ähnlich, als ob man plötzlich einer ehemaligen Geliebten gegenübersteht, die einen schmählich im Stich gelassen hat. Dabei hatten wir nie etwas miteinander - und zumindest von meiner Seite aus war das auch nie wirklich eine Option. Dafür waren wir viel zu unterschiedlich, und sie war mir immer eine Spur zu exzentrisch und selbstbezogen. Aber sie war eine gute Freundin, mir sehr wohlgesonnen und zugewandt - auch in schlechten Zeiten, was nicht selbstverständlich ist.

Auch ich bin immer für sie dagewesen - hatte immer und zu wirklich jeder Zeit ein offenes Ohr für ihre Probleme und ihre Anliegen, und habe dabei über Vieles hinweggesehen: auch über die Verächtlichkeit und den Zynismus, mit denen sie über ehemalige Freunde und Partner gesprochen hat - und dabei nie über die eigene, und niemals selbstverschuldete Opferrolle hinauskam. Aber ich kannte ihre Geschichte - zutiefst verstörend und vieles an ihrem Verhalten erklärend. Sie hatte mein Mitgefühl, das mich für lange Zeit unkritisch werden, und mein immer wieder aufkeimendes Unwohlsein sowohl verdrängen, als auch mich immer wieder schützend vor sie stellen ließ.

Und dann war es ohne Vorwarnung plötzlich vorbei. Ohne Erklärung, und ohne die Chance auf ein bereinigendes Gespräch. Und ohne Ergebnis habe ich mich in einer Endlosschleife gefragt, ob es an mir gelegen haben könnte - an etwas, was ich gesagt oder getan habe, das sie so sehr verletzt hat, und sie dazu bewogen haben könnte mich "abzuschießen".

Ohne Erfolg und über Monate habe ich versucht, eine Antwort zu bekommen. Dabei ist mir sehr schmerzlich bewusst geworden, wie sehr ich ungeklärte Situationen hasse, und wie wichtig es für mein Seelenheil ist, Antworten zu bekommen und ernst genommen zu werden. Keiner Antwort gewürdigt zu werden, ist verletzend und äußerst respektlos. Und das habe ich sie unmissverständlich wissen lassen. Möglichweise habe ich sie damit zusätzlich in ihrem Entschluss bestärkt, aber manchmal ist es richtig, das augenscheinlich Falsche zu tun. Für den eigenen Seelenfrieden.

Und gestern? Lediglich ein kurzes "Wie geht's dir?" und "wir müssen weiter!" Höflich und nichtssagend, als sei nichts von Bedeutung vorgefallen. Manchmal ist es eben besser, einen Menschen einfach gehen zu lassen.




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