Montag, 30. Mai 2016

Herz und Verstand

Ich bin manchmal zu intelektuell. Das rührt daher, dass es um ein Vielfaches leichter ist für mich, Situationen, Erinnerungen - also Dinge die mich beschäftigen - losgelöst von den mit ihnen verbundenen Emotionen zu betrachten und zu beschreiben. Wobei: so ganz stimmt das nicht, denn natürlich lassen sich auch bei mir die Gefühle nicht vollständig ausblenden. Sie sind und bleiben ein wesentlicher Bestandteil der Erlebten. Aber es ist leichter, statt mit ihnen über sie zu schreiben.

Es schafft eine angenehme und erleichternde Distanz, sich Schwierigem auf rein intelektueller Ebene zu nähern. Aber wer sich auf das so Entstandene wirklich einlässt, der spürt eben diese Distanz, und vermisst möglichweise das eigentlich so wichtige und bereichernde Zusammenspiel beider Erlebnisebenen. Dabei bin ich ein Mensch mit einem sehr ausgeprägten und differenzierten Gefühlsleben. Und interessanter Weise gelingt es mir, dies in meinen Gedichten auch unmittelbar und authentisch zum Ausdruck zu bringen. Das mag daran liegen, dass sie in ihrer Form völlig frei sind von dem Korsett korrekter Grammatik und den Regeln eines festgefügten Satzbaus. Oft reicht ein einzelnes Wort, um einen ganzen Kosmos auszudrücken. Sie sind unmittelbar, und manchmal heftig. Aber genau das macht sie im Gegensatz zur Prosa auch unberechenbar in ihrer Wirkung.

Wenn ich mir Zeit nehmen muss, um einen Satz vollständig und zu meiner Zufriedenheit auszuformulieren, dann gibt mir das gleichzeitig die Gelegenheit, abzuwägen und zu relativieren, zu entschärfen - wenn auch oft unbewusst. Bei Gedichten funktioniert das nicht.

Als ich "Grenzgänger" geschrieben habe, war mein Verstand gleichzeitig auch mein Schutz. Und diesen Schutz zu haben, war überlebenswichtig. Nur mit seiner Hilfe konnte ich mich meinen Erinnerungen und Traumata überhaupt stellen - allerdings um den Preis der Unvollständigkeit und der offensichtlichen Distanziertheit zu meiner eigenen Biografie. Und damit fehlt ein wesentliches Element, um aus meinem Buch tatsächlich Literatur werden zu lassen. Für einen Erstling ist das in Ordnung, wenn es auch ein wenig an meinem Hang zum Perfektionismus kratzt.

Für mich ist es eine wichtige Aufgabe daran zu arbeiten, Verstand und Herz beim Schreiben ins Gleichgewicht zu bringen. Wie, und ob es mir überhaupt gelingt, weiß ich noch nicht. Aber es ist mein Weg!






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