Dienstag, 26. April 2016

Neues Schreiben

Ich arbeite jetzt an einer Erzählung. So weit, so unspektakulär. Aber ich habe bislang nur meist autobiografisch angehauchte Texte und Gedichte geschrieben, die sich mit meiner Lebenswelt und meinen Gefühlen befassen - die also sehr selbstreferenziell sind. Das ist alles völlig in Ordnung und war bis jetzt jedenfalls für mich außerordentlich wichtig als Ventil und Möglichkeit zur Reflektion.

Eine Erzählung zu schreiben bedeutet, sich ganz auf seine Fantasie verlassen zu müssen und zu können. Oder können zu müssen. Denn es geht nicht länger um mich, oder um Gefühle und Erfahrungen, die mich in einer bestimmten Weise motivieren, prägen und antreiben. Nein, es geht darum, in andere Menschen hineinzuschlüpfen, und deren Gedanken, Motivation und Geschichte zu ergründen. Und diese Menschen gibt es nicht wirklich - sie existieren nur in meinem Kopf und entstehen teilweise auch erst während des Schreibens. Und ich kenne sie nicht, sondern lerne sie erst im Verlauf ihres Lebens kennen und mögen, oder auch nicht. Vor allem Letzteres macht es manchmal schwer, denn wie beschreibt man eine Person, die man abgrundtief unsympathisch findet?

Als ich "Grenzgänger" geschrieben habe, musste ich nur dem zu folgen versuchen, was sich über die Jahrzehnte in mir und um mich herum ereignet hatte, und wie ich es erlebt habe. Jetzt habe ich keinerlei Erfahrungen, auf die ich zurückgreifen kann, sondern kann lediglich Teile meiner Persönlichkeit, und die Persönlichkeit mir bekannter Menschen mit einfließen lassen - sie also transformieren, miteinander mischen und voller Neugier dabei zusehen, was daraus wird. Und das ist der große Unterschied zu vorher, wo ich mich vollständig in bekannten Gewässern bewegen konnte.

Für mich ist das ein Quantensprung. Und sehr mutig (siehe selbstreferenziell!) Es ist ein Experiment, dessen Ausgang völlig ungewiss ist. Denn ich habe nicht die leiseste Ahnung, ob ich tatsächlich dazu imstande bin, eine komplett neue Geschichte zu erfinden, in der nicht ich im Mittelpunkt des Geschehens stehe, sondern fiktive Personen, die nur sehr entfernt mit mir und meiner Lebenswelt zu tun haben. Und deren Weg zu folgen und zu begleiten auch andere Menschen Interesse haben. Es bleibt abzuwarten!




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