Sonntag, 24. April 2016

Eine Freundschaft

Für viele Jahre galt für mich immer das (etwas überspitzt formulierte) Motto: Freunde sind nur Menschen, die mich noch nicht enttäuscht haben. Das heißt nicht, dass ich keine Freunde gehabt hätte, aber es bedeutet, dass ich selbst meine Freunde aus Angst vor Zurückweisung und Enttäuschung immer auf Distanz gehalten habe. Es fehlte immer das letzte Quentchen Vertrauen, um wirkliche Freundschaft, und damit auch Nähe und Zuneigung wirklich zulassen und auch aushalten zu können.

Es gibt einen Menschen, der mich mit Unterbrechungen seit über fünfundzwanzig Jahren begleitet, und bei dem dieses Motto unversehens immer wieder widerlegt und still und leise außer Kraft gesetzt wurde - ohne, dass es mir wirklich bewusst geworden wäre. Selbst in meinen dunkelsten Zeiten, in denen ich andere Menschen kaum um mich ertragen konnte, war er einfach immer da und machte darum nicht viel Aufhebens. Für ihn war es selbstverständlich, denn er war mein Freund. Im Gegensatz zu mir wusste er immer, was zu tun ist, um mir mein Los erträglicher zu machen und Differenzen schreckten ihn nie wirklich ab. Es gab Zeiten, wo wir räumlich und aus gegenseitiger Kränkung getrennt waren. Aber diese Distanzen waren nie unüberbrückbar. Im Gegenteil: Als wir uns vor einigen Jahren wiedergefunden haben, war es so, als seien lediglich ein paar Wochen vergangen, seitdem wir uns zuletzt gesehen hatten.

Auch an ihm ist das Leben nicht spurlos vorbeigegangen. Er hat viel durchleiden müssen, macht aber auch darum kein Gewese. Und doch: ich wünsche mir manchmal, ich hätte ihm in diesen Zeiten ein genauso guter Freund sein können, wie er mir. Aber vermutlich würde er sagen: "Mach dir keinen Kopp Alter, und bleib locker!" Das sagt er so ähnlich häufiger, wenn ich an mir zweifele, und meine Fähigkeiten und Qualitäten mal wieder in Frage stelle.

Er ist bescheiden; manchmal auch zu bescheiden, wie ich finde. Er könnte Stolz auf das sein, was er trotz Widrigkeiten erreicht hat. Aber er ist es nicht. So wie ich, stellt er sein Licht unter den Scheffel und macht sich unnötig klein. Bei mir sieht und reklamiert er es, bei sich nicht. Aber das macht ihn liebenswert, so wie besondere Eigenheiten jeden Menschen erst so richtig prägnant und liebenswert erscheinen lassen.

Wenn er das liest, wird er vermutlich verlegen abwehren und wieder zur Tagesordnung übergehen. Aber im Stillen wird es ihn vermutlich doch freuen - so wie mich, wenn man mir Komplimente macht. Das zeigt, wie ähnlich wir uns sind. Manchmal denke ich, ich schaue in einen Spiegel, wenn er erzählt. Und tief in mir verstehe ich ihn so sehr, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Das ist so unbeschreiblich schön, dass mir - während ich diese Zeilen schreibe - ganz warm ums Herz wird.

Ich fühle mich ihm sehr nah, aber wir Männer können ja über soetwas nicht sprechen. Wir sagen "Arschloch!" und meinen: "Ich hab dich lieb!" Also: "Du altes Arschloch: ich hab dich lieb!"



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen