Samstag, 15. Februar 2014

"Vom Versuch, in der Wahrheit zu leben"

Wahrheit hat in meinem Leben einen großen Stellenwert. Mir geht es dabei um die Authentizität, um Aufrichtigkeit und um das Vermeiden von Lügen.

Als Kind und bis ins Erwachsenenalter hinein war ich ein chronischer Lügner, der seine Unsicherheiten im Bezug auf seine Identität und seinen Lebensweg hinter erfundenen Geschichten und regelrechten Lügenkonstrukten zu verbergen suchte. Das Lügen war Gewohnheit und gleichzeitig schon fast pathologisch, ohne die Möglichkeit, es wirklich bewußt zu steuern; geschweige denn frei zu entscheiden, ob ich aufrichtig bin oder nicht.

Gleichzeitig befand ich mich in einem fortwährenden moralischen Dilemma, denn durch mein Elternhaus, durch meine Erziehung, hatte sich die Vorstellung in mir eingebrannt, dass Lügen nicht nur moralisch, sondern in jedweder Situation absolut verwerflich sei, durch nichts zu entschuldigen, und eine meiner schlimmsten und abstoßensten Charaktereigenschaften. Ohnehin hatte mir meine Mutter zu meinem Auszug von Zuhause mit auf den Weg gegeben, dass ich ein labiler und wenig vertrauenswürdiger Mensch sei, dessen Erfolg im Leben äußerst zweifelhaft sei.

Ich log, um unangenehme Situationen zu vermeiden und ich log, um mich für andere Menschen interessanter und liebenswerter zu machen in der Annahme, dass ich sonst nie die mir zustehende Sympathie und Aufmerksamkeit bekommen würde. Ich fühlte mich außerstande, auf gesunde Weise und nur durch mich selber, Freundschaften zu schließen und mich im sozialen Gefüge einer Gemeinschaft frei und unverkrampft zu entfalten und zu bewegen. Das Erschaffen einer zweiten, "verbesserten" Persönlichkeit erschien mir als der einzige gangbare Weg, im Leben zurecht zu kommen.

Das Dumme bei Lügen ist, dass sie einen irgendwann einholen und dass die Aufdeckung von erfundenen Geschichten für den Verursacher nicht nur unendlich peinlich ist, sondern auch entstandenes Vertrauen grundlegend beschädigt. Auf diese Weise wird die Lüge auch zu selbstschädigendem Verhalten, denn es schafft Einsamkeit und Misstrauen.

Seit dem Ende meiner Ehe, die zumindest teilweise auch durch meine Unaufrichtigkeit zerbrochen ist, versuche ich nun, frei von Lügen zu leben. Aber kein Mensch ist vollkommen, und so schleichen sich immer wieder kleinere Notlügen in den Alltag. Ich habe aber gelernt, dass dies einfach menschlich ist und keine Todsünde, wie es mir durch mein esoterisch geprägtes Elternhaus eingeimpft wurde.

Möglicherweise habe ich auch gelernt zu unterscheiden, wo Aufrichtigkeit unabdingbar ist und wo es legitim ist, von der Wahrheit abzuweichen. Ich muss mich nicht mehr interessanter machen und eine "Zweit-Identität" pflegen, um Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen.

Aufrichtige Beziehungen sind anstrengender, aber auch authentischer und tiefer; eben verbindlich und nicht auf Schein gegründet. Außerdem ist Ehrlichkeit auch im Umgang mit mir selber etwas, das mich innerlich freier und autonomer werden lässt.

In der Bibel heißt es: "Die Wahrheit wird euch frei machen!" Und auch wenn ich die zugrunde liegende Ideologie dieses Buches ablehne, so ist die Aussage dieses Satzes doch von großer Weisheit geprägt und könnte für alles Zwischenmenschliche zum Leitmotiv werden.





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