Sonntag, 9. Februar 2014

Selbsterkenntnis

Manche Erkenntnisse brauchen ihre Zeit und lassen sich nur aus schmerzhaften, länger andauernden Krisen gewinnen.

Zurzeit zieht die Welt an mir vorbei und ich fühle mich zurückgelassen und- ohne theatralisch klingen zu wollen- verdammt einsam. Und eines ist mal sicher: Einsamkeit tut verdammt weh und ist völlig inkompatibel mit Rationalität und Vernunft! Sie bewirkt, dass alles auf den Prüfstand kommt und ich Gefahr laufe, aus purer Verzweifelung alle Brücken im sozialen Gefüge hinter mir abzubrechen. Auf diese Weise wird die Einsamkeit wenigstens zur selbstgewählten Lebenssituation und "passiert" nicht einfach dem Gefühl nach fremdbestimmt.
 
Ich blicke nur auf mich und meine wenig erfüllende, depressive Grundstimmung, und suche die Ursachen statt in meinem Leben im Verhalten und dem mir vorenthaltenen Glück meiner Freunde. So geht das seit Wochen und spitzt sich immer mehr zu. Ich werde zum Misanthropen, zum alternden Sonderling, der an nichts mehr wirklich Freude findet, dessen Gefühlsleben mehr und mehr abstumpft und auf Abwehr ausgerichtet ist.


Ein erfahrener Therapeut würde jetzt wahrscheinlich sagen, dass dies eine zu erwartende, aus der Depression resultierende Reaktion ist, die dem Selbstschutz dient und nur eine zeitlich begrenzte Momentaufnahme ist. Aber diese Momentaufnahmen häufen sich in den letzten Monaten und es fällt mir immer schwerer, ihnen ewas Positives und Kreatives entgegenzusetzen. Das Auf Distanz Halten von mir nahestehenden Menschen und die Misanthropie werden zum Lebensinhalt, zum Selbstläufer.

Es soll Menschen geben, die sich selbst genügen und die mit dem, was sie haben, vollends zufrieden sind. Leider gehöre ich nicht dazu, sondern habe schon immer die wohlwollende und zugewandte Bestätigung Anderer gebraucht wie die Luft zum atmen. Das macht den Umgang und das Miteinander mit mir anstrengend und zur Herausforderung, der auf Dauer niemand wirklich gewachsen ist. Die Ursachen dafür liegen in der Lieblosigkeit meines Elternhauses und dem mangelnden Interesse meiner Eltern an mir als wirklich individuelle Persönlichkeit. Ich habe nie erfahren was es heißt, Bestätigung zu bekommen, oder für Erfolge gelobt zu werden. Das mag für Außenstehende banal klingen, hatte für meine Entwicklung aber gravierende Folgen, die bis zum heutigen Tag andauern. Immer wieder habe ich mich in meinem Leben bis zur Unkenntlichkeit verbogen und angepasst, um anerkannt und geschätzt zu werden. Habe die Maßstäbe an mich und meine Lebensziele so hoch gesteckt, dass das Scheitern unabänderlich war, nur um zu gefallen und den möglichen Erwartungen anderer Menschen zu entsprechen.

Dabei bin ich auf der Strecke geblieben und habe mich nie wirklich wahrgenommen und kennengelernt. Das ist meine erschreckende Bilanz aus 47 Jahren, die ich aber nicht so für die nächsten Jahrzehnte, die mir noch bleiben, übernehmen möchte.

             

                         Kenne mich kaum
                         und Andere
                         sind wichtiger
                         als ich es bin.

                         Kenne sie besser
                         als mich selber
                         und sehe das
                         als Daseinsziel.

                         Möchte gefallen
                         um jeden Preis
                         nicht auffallen
                         mich anpassen
                         und nicht abgrenzen.

                         Bin nicht wichtig
                         kenne keine
                         eigenen Ziele
                         keine Herzenswünsche.

                         Möchte lernen
                         ich zu sein
                         Erfahren
                         was ich will.

                         Nicht länger nur Schatten
                         sondern Individuum sein
                         mit eigenem und
                         mir gemäßem Leben.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen