Dienstag, 20. August 2013

Gedanken zur Inklusionsdebatte

Update: Am 08.10. habe ich eine erste, positive Rückmeldung zu meiner Denkschrift erhalten. Die Behindertenbeauftragte der Stadt Dortmund und Geschäftsführerin des Behindertenpolitischen Netzwerkes Dortmund, Frau Vollmer hat mir eine Mail geschreiben, die ich hier im Wortlaut weitergebe:

"Guten Morgen, Herr Neuhoff, gestern hat sich der Vorstand des Behindertenpolitischen Netzwerks zum zweiten Mal mit Ihrer Denkschrift zum Stand der Inklusion psychisch kranker Menschen beschäftigt. Ihre Analyse der Lebenssituation älterer psychisch kranker Menschen wird dabei zum Teil geteilt, zum Teil aber auch anders gesehen. Der Vorstand des Behindertenpolitischen Netzwerks hat mich gebeten, Sie auf den laufenden Prozess zur Inklusion in Dortmund aufmerksam zu machen und Sie zu bitten, sich in diesen Prozess einzubringen. Der Rat der Stadt Dortmund wird in seiner Sitzung am 12.12. 13 voraussichtlich den Dialog mit den Dortmunderinnen und Dortmundern über die nächsten Schritte zu Inklusion in den Jahren 2014 bis 2020 über alle Lebensbereiche und für alle Bevölkerungsgruppen eröffnen. Daran beteiligt werden - wie auch von Ihnen vorgeschlagen - Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Trägervereine des Betreuten Wohnens und andere ambulanter psycho-sozialer Dienste, Verantwortliche aus der Politik und Betroffene.

Mit freundlichen Grüßen Christiane Vollmer"


Update: Mit einem Begleitscheiben habe ich heute meine Denkschrift an insgesamt zehn wichtige Vertreter aus Politik, Verwaltung und psycho-sozialen Diensten gschickt. Bitte drückt mir die Daumen, dass damit eine Diskussion zu diesem kontroversen Thema angestoßen wird!

Hier ist der Brief im Wortlaut:



Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie alle sind auf die unterschiedlichste Weise mit dem Leben psychisch kranker Menschen befasst; sei es auf politischer und verwaltender Ebene, im ehrenamtlichen Engagement oder durch Ihre Tätigkeit in der psycho-sozialen Betreuung. Auch das Thema Inklusion auf Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention sollte Ihnen vertraut sein, ebenso wie die Tatsache, dass hier vieles im Argen liegt und dringend auf Beachtung und Umsetzung wartet.

Ich selber habe als Betroffener etwas zwanzig Jahre lang die Unzulänglichkeiten, Vorurteile und die fehlende Flexibilität von Psychiatrie und den aus meiner Sicht eher ausgrenzenden psycho-sozialen Hilfeeinrichtungen erlebt und vermisse nach wie vor eine offene und kreative Debatte über die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention gerade bei älteren psychisch Erkrankten.

Es fehlt offensichtlich in allen Bereichen an politischem Willen, Bereitschaft und an Ideen, sich dieses zugegebenermaßen komplexen Themas ernsthaft anzunehmen. Aus diesem Anlass habe ich mir die Zeit genommen, zu diesem Thema eine Denkschrift zu verfassen, mit dem Ziel, diese längst überfällige Debatte in Gang zu bringen und Sie alle aufzufordern, Ihre Erfahrung und Ihre Kompetenzen mit einzubringen.

Bitte nehmen Sie sich die Zeit, meine Denkschrift ernsthaft zu lesen und sich damit auseinander zu setzen. Nur so und im Dialog mit uns Betroffenen kann es Veränderung geben, die eine wirkliche und dringend erforderliche Integration psychisch kranker Menschen voranbringt.


Mit freundlichen Grüßen
 



Hier die aktualisierte und vollständige Version meiner Denkschrift:



Denkschrift zum gegenwärtigen Stand von Inklusion und Integration bei älteren psychisch kranken Menschen

 Seit 2008 hat die UN- Behindertenrechtskonvention in Deutschland Gesetzeskraft und steht damit auf einer Stufe mit dem Grundgesetz und der UN Menschenrechtskonvention. Ihre erklärten Ziele sind sowohl die vollständige und selbstverständliche Integration auch von psychisch behinderten Menschen in alle Bereiche des wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Miteinander der Gesellschaft, als auch die unmissverständliche Festschreibung des elementaren Grundrechts aller behinderter Menschen auf Inklusion und Integration in die Gesellschaft.

Die Bilanz nach nunmehr fünf Jahren fällt allerdings eher mager aus: So wichtig die Integration in Kindergärten und Schulen auch sein mag, so stellen die bisherige Fixierung auf ausschließlich dieses Klientel und die damit einhergehende weitgehende Exklusion älterer Menschen mit psychischer Behinderung eine gravierende und beschämende Ungerechtigkeit dar. Ein wichtiger Punkt ist hierbei auch das völlig unrealistische und unflexibele Beharren auf der vollen Arbeitsfähigkeit (Achtstundentag) der Behinderten als Grundvoraussetzung für eine staatliche Förderung, beziehungsweise eine geförderte Teilhabe am Arbeitsleben. Nicht jeder Mensch ist aufgrund seiner Behinderung vollumfänglich belastbar, aber trotzdem durchaus willens und motiviert, seinen Interessen und Fähigkeiten entsprechend am Arbeitsleben teilzunehmen und seinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Jungen Menschen bis etwas Mitte Dreißig mit einer psychischen Erkrankung stehen eine ganze Reihe von Hilfsangeboten zur Verfügung, um ihnen trotz ihrer Einschränkungen einen möglichst optimalen Start ins Berufsleben, und damit eine vollständige Teilhabe am sozio-kulturellen Leben zu ermöglichen. Ein relativ engmaschiges Netz aus Beruflichen Trainingszentren, Berufsbildungs- und Förderungswerken in Trägerschaft von Rentenversicherung, Bundesagentur für Arbeit und anderen, karitativen Organisationen, steht zur Förderung bereit.

Ganz anders sieht es für erkrankte Menschen im mittleren Lebensalter aus und hier beginnt die zweifache Diskriminierung: Einerseits werden uns aufgrund unseres Alters Qualifizierungsmaßnahmen und Hilfen zur Teilhabe konsequent verweigert, obwohl wir mit beispielsweise Mitte Vierzig noch immer etliche produktive Jahre vor uns haben, und andererseits ist eine psychische Erkrankung noch immer Grund genug für eine generelle und vor allem unsachliche Skepsis gegenüber der Motivation, der Leistungsfähigkeit und den kognitiven Fähigkeiten der Erkrankten.

Leider ist es eine Tatsache, dass wir psychisch Kranken tagtäglich mit Ausgrenzung, Willkür und Diskriminierung- insbesondere durch Ämter und Behörden- aber auch in betreuenden Einrichtungen- konfrontiert sind und mit unserem Leiden und unserer krankheitsbedingten Einsamkeit häufig allein gelassen werden. Zwar gibt es in Deutschland zahlreiche psycho-soziale Betreuungs- und Hilfsangebote, wie Tagesstätten, Kontaktklubs, ambulant Betreutes Wohnen und Behindertenwerkstätten; allerdings greifen diese Angebote in vielen Fällen zu kurz und haben einen entscheidenden Makel: Sie stehen allein schon durch ihren therapeutischen Ansatz der Idee von vollständiger Integration, Inklusion und Teilhabe diametral gegenüber.

Zwar hat sich seit der Psychiatriereform in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts vieles zum Positiven gewandelt: Psychisch Kranke werden nicht mehr länger nur verwahrt, durch Medikamente ruhig gestellt und pauschal als Verrückt abgestempelt, sondern man hat erkannt, dass sich durch eine ambulante Versorgung und Betreuung die Häufigkeit der Aufenthalte in der Psychiatrie reduzieren lässt. Diese Grundidee ist vom Ansatz her sehr zu begrüßen, allerdings hat auch sie ihre eklatanten Schwächen: An die Stelle der oft jahrelangen Unterbringung in der Psychiatrie sind die „Verwahrung“ in ambulanten Betreuungseinrichtungen und das Betreute Wohnen getreten. Die Beschäftigung der Patienten/Klienten ist dabei weitgehend gleich geblieben: Das Nonplusultra ist nach wie vor eine aus Therapeutensicht „sinnvollen Tagesstruktur“ mit Ergotherapie, Förderung der Kreativität und Freizeitaktivitäten unter Gleichen mit ähnlicher Krankheits- und Therapiegeschichte, als dürftiger Ersatz für eine sinnstiftende, selbstbestimmte und erfüllende Tätigkeit im Berufsleben.

Der aus meiner Sicht und langjährigen Erfahrung als Betroffener resultierende  systemimmanente Fehler dieses Betreuungskonzeptes besteht darin, dass es der Erschaffung und dauerhaften Stärkung eines eigenen positiven Selbstbildes und dem selbstverständlich berechtigten Verlangen  nach Lebensnormalität und gesellschaftlicher Akzeptanz sehr abträglich ist, jeden Tag unter der therapeutischen Käseglocke einer „beschützenden Einrichtung“ mit anderen, in ihrer Eigenständigkeit und Lebensführung beeinträchtigten Menschen zu verbringen. Das häufig vollständige Fehlen gesunder und selbstbestimmter Lebensperspektiven, sowie der oft fehlende Kontakt zu „normalen“ und gesunden Menschen in der Arbeitswelt und das nicht Vorhandensein damit einhergehender Erfolgserlebnisse schwächen das eigene Selbstwertgefühl gravierend und stärken stattdessen den Blick auf das eigene Unvermögen und das im Leben Gescheitertsein.

Integration und Inklusion müssen von Politik und der Gesellschaft tatsächlich gewollt sein, damit es nicht bei wohlfeilen und publikumswirksamen Absichtserklärungen bleibt. Leider sind die bisherigen Versuche in Kindergärten und im schulischen Bereich wohl mehr der Medienwirksamkeit und blindem Aktionismus geschuldet, als dem wesentlich aufwendigeren, tatsächlichen und ernsthaften Bemühen, alle Betroffenen mit einzubeziehen und zielführende Projekte auf den Weg zu bringen.

Was fehlt, sind innovative und tragfähige Ideen, wie wir älteren psychisch behinderten Menschen tatsächlich in ein selbstbestimmtes und in die Gesellschaft voll integriertes Sozial- und Berufsleben begleitet werden können, gerade auch dann, wenn biografisch und krankheitsbedingt formale Qualifikationen und eine „normale“ Belastbarkeit für eine Berufstätigkeit fehlen. Die bereits erwähnten Insellösungen, wie Behindertenwerkstätten und andere „tagesstrukturierende Maßnahmen“ sind hierzu denkbar ungeeignet, widersprechen dem Tenor der Behindertenrechtskonvention und sind hiermit aus meiner Sicht im eigentlichen Sinn sogar gesetzeswidrig.

Es wäre wünschenswert, dass Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Trägervereine des Betreuten Wohnens und andere ambulanter psycho-sozialer Dienste, Verantwortliche aus der Politik und Betroffene gemeinsam und auf Augenhöhe in ergebnisoffenem Austausch nach neuen und gangbaren Wegen zur vollständigen Inklusion suchen und die immens wichtige und bisher vernachlässigte Diskussion dieses Themas neu in Gang bringen.

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