Sonntag, 19. Mai 2013

Freundschaften- ein erklärender Versuch

Ich habe nicht viele Freunde. Das mag daran liegen, dass ich ein eher zürückgezogen lebender und introvertierter Mensch bin, aber auch daran, dass zuviele Menschen mich zu schnell emotional und in meinen Kräften überfordern. Allerdings habe ich es auch nie gelernt, mir Freunde zu machen. Schon als Kind bin ich in dem beschämenden Gefühl bestärkt worden und aufgewachsen, ein Aussenseiter zu sein, der nirgendwo hineinpasst, geschweigedenn willkommen ist. Das ist eine bis heute prägende Erfahrung, die noch immer nachwirkt.
Aber auch Depressionen machen einsam; das ist eine Binsenweisheit und trotzdem auf eine immer wieder schmerzliche Weise wahr. Denn gerne würde ich mehr Menschen um mich herum haben, mit denen ich mein und ihr Leben teilen kann: Eben Anteil- nehmen und -geben.
Umso wichtiger sind mir die Menschen, die ich nicht nur leichtfertig, sondern erst nach längerer Zeit und eher misstrauender Distanz meine Freunde nenne. Sie haben sich meine uneingeschränkte Sympathie, und damit auch meine volle Aufmerksamkeit verdient. Ich versuche, sie in ihrem Handeln und Denken ohne jeden Vorbehalt zu verstehen und anzunehmen, auch wenn zwischen ihnen und mir manchmal Welten liegen. Aber vielleicht macht diese Diskrepanz unsere Freundschaft auch erst interessant und fügt meiner Farbskala mir neue und unbekannte Nuancen hinzu.
Ohnehin bleibt mir die "Funktionsweise" von Freundschaften bis heute ein Rätsel. Die Fragen nach der Entstehung und der Entwicklung kann ich selbst heute noch nicht beantworten und nehme das, was sich über Jahre entwickelt hat, dankbar als unerklärliches und kostbares Geschenk.
Trotz des Gefühls von Dankbarkeit und relativer Sicherheit kommt es immer wieder zu Irritationen. Natürlich ist mir als denkendem Menschen bewusst, dass sich das Leben meiner Freunde nicht nur um mich dreht, sondern dass sie ihren ureigenen Lebensmittelpunkt nebst vielfältigen Verpflichtungen haben. Sie haben wiederum andere Freunde, eine Familie, einen kräftezehrenden Job, etcetera.
Vielleicht ist es meiner besonderen Lebenssituation geschuldet, dass ich diese Dinge manchmal nicht im Bewusstsein habe, denn schließlich habe ich all das nicht in meinem Leben und vermisse es hin und wieder schmerzlich. Möglicherweise schleicht sich in dieses Ungleichgewicht auch ein wenig Neid, wenn ich bei anderen Menschen zu sehen bekomme was mir fehlt und mir bewusst wird, dass ich diese Lücken nicht aus eigener Kraft zu füllen vermag.
Gleichzeitig schäme ich mich dafür, solch negative Gefühle zu entwickeln, denn meine Freunde sind schließlich weder für meine Lebenssituation, noch für meine persönlichen Defizite verantwortlich. Nein, sie sind eine Bereicherung für mein Leben und auch ich würde mir energisch jede Form der Einmischung oder Kritik in und an meiner Lebensführung- und gestaltung- oder an meinen Prioritäten- verbitten und mich sehr schnell gekränkt und bevormundet fühlen.
Für mich bleiben Freundschaften zeitlebens eine Herausforderung, der ich mich aber gerne und mit Empathie stelle.

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