Donnerstag, 14. März 2013

Ein langer Weg

Wenn ich mich mit meiner Biografie beschäftige, stellt sich immer wieder die Frage nach der Perspektive,
aus der ich mein Leben betrachte, oder betrachten möchte.
Ohnehin ist es schwierig, sich dem eigenen Leben in der Rückschau zu nähern, da man als handelndes Subjekt nicht imstande ist, die Geschehnisse, das eigene Handeln und die Reaktion anderer Menschen objektiv zu betrachten. Dabei ist Objektivität ein sehr wichtiges Kriterium, wenn es darum geht, das eigene Leben in einen sinnvollen Kontext zu stellen und den Ereignissen eine befriedigende Ordnung zu geben.
Für mich ist mein Leben nach wie vor eine lange Strecke voller Rätsel und merk-würdigen Entwicklungen- sowohl im Guten wie im Schlechten-die ich nur schwer einzuordnen vermag.
Sicherlich hat jedes Leben seine ungelösten Fragen und Merkwürdigkeiten und vielleicht ist es einfach eine Frage des eigenen Bewusstseins und der Reflektion, wie die einzelnen Geschehnisse und Fakten bewertet und eingeordnet werden. Bediene ich mich einfach einer linearen Einordnung und reihe Ereignis an Ereignis, oder suche ich nach dem berühmten roten Faden, um alles in einen sinnvollen und größeren Kontext zu stellen? Und wie bewerte und ordne ich das eigene Handeln und Erleben als Kind, als Jugendlicher und sogenannter Erwachsener?
Schon sehr lange beschäftige ich mich immer wieder mit diesen Fragen, nicht zuletzt um mich selber besser begreifen und um mir selber so etwas wie eine eigene Identität geben zu können.
Natürlich haben die Menschen, die mich lange kennen und denen ich Vertrauen entgegenbringe, einen bestimmten Eindruck von mir und meiner Persönlichkeit. Sie wissen, wie ich mit bestimmten Situationen umgehe, wie ich mich gebe und haben ihr persönliches Bild von mir. Aber dieses Bild spiegelt nur einen sehr kleinen Teil von meiner Persönlichkeit und ist auch abhängig davon, welche Einblicke in mein Leben, in mein Innenleben ich ihnen gewähre. Dabei spielt das persönliche Vertrauensverhältnis zueinander eine tragende Rolle. Je mehr Vertrauen mit der Zeit gewachsen ist, umso vollständiger und authentischer ist das, was ich von mir preisgebe.
Die eigene Wahrnehmung ist genauso abhängig von Vertrauen, aber nicht vom Vertrauen zu anderen Menschen, sondern zu mir selber. Und genau da wird es schwierig, denn Selbstvertrauen ist kein Selbstläufer, sondern entwickelt sich nur im Frieden mit mir selber. Alle Kämpfe müssen ausgekämpft und alle Schlachten um die eigenen Verfehlungen und "schwarzen Löcher" in der eigenen Biografie geschlagen sein. Wichtig dabei ist die Erkenntnis, dass Vergangenes nicht umzukehren ist und begangene Fehler nicht ungeschehen gemacht werden können. Ich habe Vieles zu bereuen, aber war für einen sehr langen Zeitraum auch ein Gefangener der eigenen Traumata und ungelösten Konflikte.
Ein kluger Mensch hat mir vor vielen Jahren einmal mit auf den Weg gegeben, ich sei schuldlos schuldig geworden. In dem Moment war das nur eine schwacher Trost, denn ich war viel zu sehr damit beschäftigt, das Entsetzen und die vollständige Ratlosigkeit über mein Tun zu verarbeiten. Erst jetzt habe ich die provokante Weisheit dieses Satzes begriffen: Es geht um einen liebevolleren und verzeihenden Umgang mit mir selber und meinem Lebensweg, der noch lange nicht zuende ist.





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