Samstag, 12. Januar 2013

Nachdenken über Sprache

In den letzten Monaten hat -ausgelöst durch unsere Familienministerin Kristina Schröder- eine sehr emotionale und durch das Bemühen um politische Korrektheit geprägte Debatte über die deutsche Sprache begonnen. Auslöser waren Äußerungen Schröders zu angeblich rassistischen und missverständlichen Formulierungen in dem Kinderbuchklassiker "Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren, die sie ihren Kindern nicht zumuten oder erklären wollte und deshalb beim Vorlesen abmilderte und "entschärfte". So wurde aus dem "Negerkönig", wenig geschickt, ein "Südseekönig" und im Nachgang der Stolperstein für ein Rudel selbsternannter Sprachverbesserer und Rassismusfachleute.
Abseits dieser Diskussion ergibt sich aber noch eine tiefere und wie ich finde, wichtigere Fragestellung eher philosophischer Natur: Was macht eigentlich Sprache aus, was ist charakteristisch für Sprache?
Jede Sprache hat ihren ganz eigenen Duktus und ihre ureigene Melodie. Sie ist geprägt von Manirismen, Absonderlichkeiten und gelegentlicher Unlogik. Das aber macht den eigentlichen Reiz aus, in eine Sprache wirklich einzutauchen und sie in ihren Feinheiten und Besonderheiten zu ergründen. Und sicherlich lassen sich in jeder Sprache Formulierungen finden, die bei oberflächlicher Betrachtung unangemessen oder sogar diskriminierend erscheinen, aber bei genauerer Betrachtung des historisch gewachsenen Kontexts an Brisanz verlieren. Wollte man lediglich mit dem Maßstab des heutigen modernisierten Wortschatzes die Substanz von Literatur bemessen, käme man nicht umhin, auch die Klassiker der Literatur wie Goethe, Schiller, Rilke usw. zu "überarbeiten" und dem heutigen, oft eindimensionalen Sprachverständnis anzugleichen.
Es ist nicht abzusehen, welch unermesslich großer Schaden für die Sprachkultur dadurch entstehen würde. Denn Sprache ist immer auch integraler Bestandteil und Ausdruck einer Gesellschaft und ihres Kulturverständnisses und damit auch ein Gradmesser für die Substanz ihrer Kultur. Sie ist gesellschaftlichen und historischen Veränderungen unterworfen, bleibt so lebendig und am Puls der Zeit. Und sie ist Geschenk und Offenbarung für diejenigen, die sich mit ihr ernsthaft und verständnisvoll auseinandersetzen, sich ihrer Feinheiten und Klippen bewusst sind. Sprache wirklich zu verstehen erfordert unendlich viel Feingefühl und ein Gespür für Nuancen, für die "Zwischentöne". Sie ist ein komplexes Instrument, das ständiges und bewusstes Üben erfordert, dafür aber den Übenden am Ende reich beschenkt.


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