Samstag, 15. Dezember 2012

Warum ich schreibe

Der Satz: "Ich hatte eine schlimme Kindheit!" klingt erst einmal nach Klischee und vorauseilender Entschuldigung für jedes mögliche Fehlverhalten. Viele Straftäter berufen sich auf diese Entschuldigung, in der Hoffnung, aus Mitleid ein milderes Urteil für ihre Taten zu bekommen.
Aber leider ist es eine Tatsache, dass aus Opfern von elterlichem Missbrauch oft Täter werden, die das Erlebte auf grausame und oft perverse Weise mit eigenen Taten zu kompensieren oder zu verarbeiten suchen.
Missbrauch umfasst ein breites Spektrum und bedeutet nicht automatisch körperliche oder sexuelle Misshandlung, sondern kann sich auch in manipulativem, unberechenbarem oder gleichgültigem Verhalten dem eigenen Kind gegenüber manifestieren, was dann im weitesten Sinn als seelische Misshandlung gelten kann.
Ich glaube, viele Eltern sind sich oft der Tragweite ihres Handelns und der Auswirkungen auf ihr Kind überhaupt nicht bewusst und agieren dementsprechend unüberlegt und unreflektiert. Dabei können Gleichgültigkeit, Manipulation und Unberechenbarkeit tiefe Wunden hinterlassen, die das Sozialverhalten und die seelische Entwicklung von Kindern über Jahrzehnte empfindlich beeinträchtigen und nachhaltig stören.
Die menschliche Seele neigt dazu, unangenehme und verstörende Erlebnisse zu verdrängen und unbewusst zu versuchen, die entstandenen Defizite auf oft schräge und unkonventionelle Art auszugleichen und aufzufangen. Im schlimmsten Fall führt dies zu relevanten psychiatrischen Diagnosen und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich im Leben zurecht zu finden.
Mir selber ist beim Betrachten meiner Biografie immer wieder schmerzlich bewusst geworden, dass mein ursprüngliches Scheitern und nicht Zurechtfinden- Können im Leben auf genau diesen Ursachen gründet und ich trotz eines gut funktionierenden Verstandes mir selber beim Scheitern nur hilflos zuschauen konnte. Diese unerträgliche Hilflosigkeit und die oft kafkaesk anmutenden Situationen, in die ich zu häufig hineingeraten bin, haben in mir ein großes Wut-Reservoir entstehen lassen, mit dem verantwortungsvoll umzugehen mir bis zum heutigen Tag unsagbar schwerfällt.
Manchmal habe ich das verstörende Gefühl, eine tickende Zeitbombe zu sein, die beim kleinsten Anlass ohne Vorwarnung hochgehen kann und alles im näheren Umkreis gnadenlos zerstört. "Macht kaputt, was euch kaputt macht!", heißt es in einem Lied von Rio Reiser und der Gedanke, genau so zu handeln, ist schon sehr verlockend.
Aber etwas hält mich davon ab, diesem unbändigen Verlangen nachzugeben: Ich sehe mich in der Verantwortung, nicht länger selber zum Täter zu werden, sondern mit dem Erlebten konstruktiv und reif umzugehen. Das mag sich im ersten Moment banal und vielleicht auch konstruiert anhören, aber tatsächlich war es ein langer und kräftezehrender Prozess, Verantwortung und ethisches Denken und Handeln zu lernen und zu erkennen, dass ich als denkender Mensch tatsächlich die Wahl habe, mich für oder gegen etwas zu entscheiden und nicht länger ein Gefangener meiner Instinkte und Impulse sein muss. Und darum schreibe ich!


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