Samstag, 8. Dezember 2012

Nostalgie

Zugegeben, ich bin ein Nostalgiker und zugegeben, ich bin es gerne! Beim Betrachten alter Fotos, beim Schwelgen in Erinnerungen, oder beim Hören von Musik aus meiner Jugendzeit, kommen überwiegend schöne Erinnerungen an die Oberfläche, verklärt durch eine leicht süßlich und naive Betrachtungsweise. Auch mir ist der Satz: "Früher war alles Besser!" sehr geläufig, auch wenn er nur sehr begrenzt meine Zustimmung findet.
Nostalgie ist eine schöne Sache. Sie bietet Vertrautes, blendet Unangenehmes aus und schafft so eine trügerische Sicherheit. Denn was gibt es Schöneres, als mit alten Freunden bei dem einen oder anderen Bier zusammenzusitzen und gemeinsame Erinnerungen hervorzukramen, anstatt sich einer kontroversen Diskussion über Politisches oder divergierende Weltanschauungen auszusetzen?
Nostalgie schafft Harmonie, doch in letzter Zeit ist diese Harmonie empfindlich getrübt und verwandelt sich allmählich in brennende Wut: Mitte der Neunzigerjahre, in einer Phase der Orientierungslosigkeit, hatte ich mich in ein anthroposophisches Studienseminar begeben, um dort meine Möglichkeiten und mein Schicksal auszuloten. Mit großer Naivität und ohne die Fähigkeit der Selbstreflexion  hatte ich dort meine bisherige Biografie ungeschönt ausgebreitet, in der Hoffnung, die erfahrenen und esoterisch geschulten Seminarleiter würden mir so helfen können, meinen Weg zu finden.
Was dann geschah, macht jedem Kafkaroman alle Ehre: Innerhalb weniger Wochen wurden aus dem Büro des Seminars mehrfach mehrere Tausend D-Mark entwendet. Und Eines war ohne jeden Zweifel klar: Wegen meiner Vorgeschichte war ich der einzige Verdächtige und natürlich auch der Schuldige, denn schließlich hatte die Seminarleitung dies "Übersinnlich wahrgenommen"! Alle meine Unschuldsbeteuerungen nutzen nichts, ich wurde unter Druck gesetzt und solange manipuliert, bis ich selber davon überzeugt war, die Einbrüche in einem extremen psychischen Ausnahmezustand begangen zu haben, ohne es selber zu merken.
Vielleicht sollte ich den Menschen dort im Rückblick sogar dankbar sein für diese traumatische Erfahrung, denn schließlich waren diese Erlebnisse der Auslöser für meinen ersten Aufenthalt in der Psychiatrie und die Erkenntnis, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Auch halfen mir diese Erfahrungen dabei, Esoterik und Anthroposophie als das zu entlarven was sie im tiefsten Inneren sind: Gefährliche und menschenverachtende Ideologie.
In den vergangenen Jahren hatte sich auch bei diesem Thema nach und nach ein dichter Schleier von Nostalgie ausgebreitet, der meine Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle in ein milderes Licht getaucht hat. Bis ich vor einigen Wochen zufällig auf den Internetauftritt des inzwischen umbenannten Seminars gestoßen bin und auf Fotos das selbstgefällige Grinsen und Gehabe Einiger auch damals Verantwortlicher sehen durfte. Durch weitere Recherche erfuhr ich, dass es seit den Neunzigerjahren etliche Menschen gab, die zum finanziellen und emotionalen Opfer dieser Institution gemacht worden und derselben wütenden Hilflosigkeit ausgesetzt waren, wie ich. Also war ich keine Ausnahme, sondern ebenfalls Opfer eines perfiden Systems von Ausbeutung und Ausgrenzung. Und mit dieser Erkenntnis wuchs die Wut über meine mild-gestimmte Erinnerung.
Nostalgie ist eben immer eine Gratwanderung zwischen möglicherweise gefährlicher Verharmlosung und angespannten, verkrampften Zweifeln am eigenen Bild der Vergangenheit.



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