Sonntag, 16. Dezember 2012

Authentizität

"Ehrlich währt am Längsten!" war einer dieser unerträglichen Sprüche in meiner Kindheit. Besonders gerne vorgebracht von meiner Mutter, wenn sie mich bei einer meiner zahlreichen Lügen ertappt hatte. Ich war jedes Mal peinlich berührt, hatte ein schlechtes Gewissen und schämte mich sehr, weil ich wieder einmal mit meiner unzureichenden Wahrheitsliebe und meinem unzuverlässigen, "labilen" Charakter konfrontiert worden war. Jeder dieser ungezählten Zusammenstöße hinterließ neues Narbengewebe auf meiner Seele und verfestigte mein Selbstbild als labiler und nicht liebenswerter Heranwachsender.
Wenn Kinder die Unwahrheit sagen, hat das immer einen guten Grund. Es ist ihre Reaktion auf fehlendes Vertrauen in sich und ihre unzureichende Umwelt, die mit Ignoranz, Desinteresse, oder mit stiller Verachtung auf ihre individuellen Bedürfnisse und ihre Persönlichkeit reagiert. Sie haben Angst, ihr "wahres Ich" zu zeigen, weil sie auf oft schmerzliche Weise lernen mussten, dass ihre sich allmählich entwickelnde Persönlichkeit zu unbequem und zu anstrengend ist, und das die Wahrheit nicht belohnt, sondern bestraft wird. Auch spüren sie instinktiv, dass ihre so dringend benötigten und wichtigen Vorbilder in Wahrheit auf ähnliche Weise miteinander umgehen und spiegeln unbewusst deren Verhalten wider. Diese zutiefst traumatischen Erfahrungen verfestigen sich und verletzen mit weitreichenden Folgen die Seele des Heranwachsenden.
Seit vielen Jahren beschäftigt mich die Frage, was mich als Persönlichkeit eigentlich ausmacht und wo meine individuellen Stärken und Fähigkeiten liegen. Und immer wieder, schon fast zwanghaft, konfrontiere ich mich mit meiner ursprünglichen erlernten Verlogenheit. Sie erschwert es mir, einen ungetrübten und unvoreingenommenen Blick auf mich selber zu werfen und meinen Part, mein Profil im menschlichen Miteinander zu erkennen. Immer wieder stelle ich mir die Frage: ist mein Verhalten, mein Tun authentisch, bin das tatsächlich ich in meiner ureigensten Form, oder spiele ich meinen Mitmenschen nur das vor, was ich glaube, das sie in mir sehen wollen? Ich glaube, so ganz sicher werde ich mir da, von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, nie sein können...





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen