Sonntag, 4. November 2012

Psycho-Logisch

Hurra! Fast zwei Jahrzehnte mit dem Lebensschwerpunkt Therapie gehen in den nächsten Monaten zuende. Und ich habe große Angst vor dem Danach!

Fast zwei Dekaden, die 1995 mit einem mehrmonatigem Aufenthalt in einer psychiatrischen Tagesklinik ihren Anfang nahmen, nachdem die vorangegangenen zehn Jahre ein kräftezehrendes, glorioses und aneinandergereihtes Scheitern an mir, der Gesellschaft und meinem verzweifelten Wunsch nach Autonomie gewesen waren. Endlich die Möglichkeit, Geschehenes aufzuarbeiten und vor Allem: Endlich Antworten auf die Frage nach dem Warum?

Aufzuarbeiten gab es Vieles: Zwischenmenschliche Situationen waren aufs hässlichste eskaliert, meine Versuche, beruflich einen Platz im Leben zu finden, waren kläglich gescheitert und ich schleppte einen Berg von Verwirrung, namenloser Wut und tiefster Depression hinter mir her.

Die Erklärungsmodelle der klassischen Psychotherapie sind auf den ersten Blick recht einfach und einleuchtend: Da sind die Konflikte mit einem schwierigen Elternhaus, das Mobbing in der Schule und die erlernten Selbstschutz- Strategien, die die eigene Persönlichkeit erst formen und dann irgendwann auch de-formieren. Um nicht ständig mit der eigenen Verletzlichkeit und dem eigenen Scheitern konfrontiert zu werden, hatte ich mir eine Parallelwelt erschaffen, in der ich das Sagen hatte und auch erfolgreich war. Bloß dumm, wenn Wirklichkeit und Fantasie irgendwann kollidieren und das mühsam aufgebaute Selbstbild in tausend Stücke zersplittert!

Psychiatrische Diagnosen haben eine dumme Angewohnheit: Sie neigen dazu, eine gefährliche und chronifizierende Eigendynamik zu entwickeln. Einmal mit einer Diagnose versehen, ist man als "Psycho" kategorisiert und wird von der schweigenden Mehrheit auch so behandelt. Dass eine differenziertere Betrachtungsweise des einzelnen Menschen mit seinen individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften und die Förderung der Eigenständigkeit wesentlich hilfreicher sind als die Gleichung: Behindert = Dumm, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Leider hat sich diese Sichtweise seit der Psychiatriereform in den Neunzehnhundertsiebzigerjahren noch immer nicht wesentlich geändert. Sämtliche gemeindepsychiatrischen Hilfsangebote (ambulant Betreutes Wohnen, Behindertenwerkstätten, usw.) docken mit ihrem Menschenbild und ihren Hilfekonzepten noch immer weitgehend an dieses Klischee des intelligenzverminderten Klienten an, der in seiner Lebensführung eine liebevoll- dominante Hand benötigt, um "selbstständig" leben zu können.


Leider sind diese Zeilen nicht nur lustvolle Polemik, sondern spiegeln meine langjährigen Erfahrungen mit dem Hilfesystem wider. Denn in den vergangenen Jahren durfte ich mich immer wieder in und an diesem System abarbeiten, ohne das ich meinen persönlichen Zielen einen Schritt näher gekommen wäre.

Hilfe in dieser Form schafft eine gefährliche Abhängigkeit von den Helfenden, denn man verlässt sich sehr leicht blind auf die Konzepte und traut sich aus Angst vor dem Verlust nicht, die Motive und das System zu hinterfragen. Das Motto: "Entweder du passt dich an, oder wir lassen dich fallen!" ist leider allzu lange mein durch leidvolle Erfahrung geprägtes Lebensmotiv gewesen und vermutlich auch der Grund für die fast zwei Jahrzehnte andauernde Odyssee durch die psychiatrisch- soziotherapeutische Landschaft.

Meine Quintessenz? Mut zur Individualität und zu den eigenen Schwächen! Denn behindert ist man nicht, behindert wird man!



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen