Montag, 12. November 2012

Gedanken zur Selbsthilfe

Seit etlichen Jahren (ich glaube seit ca.2007) engagiere ich mich in der Selbsthilfe.
Nach Jahren der Isolation und Resignation war es für mich ein großer und wichtiger Schritt, mich offensiv und im Austausch mit Gleichgesinnten meinen Problemen zu stellen und gemeinsam an alltagstauglichen Lösungswegen zu arbeiten.
So hilfreich und befreiend die Arbeit in einer Selbsthilfegruppe auch ist, so ist sie doch auch nur ein Abbild des alltäglichen und "normalen" Miteinanders- quasi ein Mikrokosmos des Zwischenmenschlichen. Man trifft in einer solchen Gruppe genauso auf Wichtigtuer, Ignoranten und Profilneurotiker, die den an der gemeinsamen Arbeit ernsthaft Interessierten das Leben schwer machen und die Wirksamkeit des solidarischen Miteinanders durch ihr Handeln gefährden.
Durch meine Auseinandersetzung mit dieser Problematik ist der folgende Text entstanden, den ich vor ungefähr 4 Jahren auch im Selbsthilfemagazin FORUM des Paritätischen in Dortmund veröffentlicht habe:



(K)Eine Insel der Seligen-

Konflikte in der Selbsthilfe

Tagtäglich werden wir im Leben -überall dort, wo Menschen sich begegnen- mit Konflikten und Auseinandersetzungen konfrontiert. Es ist ein Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten Charaktere und auch der sozialen Unterschiede, die diese Reibungen hervorrufen und niemand im normalen Alltag wird diese Gesetzmäßigkeit ernsthaft in Frage stellen. Was aber geschieht, wenn diese zwischenmenschlichen Konflikte auch dort auftreten, wo man sie eigentlich am wenigsten erwartet und wo sie auf Grund der besonderen Konstellation –nämlich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten- ungleich schärfer und komprimierter hervortreten?
Menschen, die sich in einer Selbsthilfegruppe zusammenfinden, sind einerseits natürlich auch nur ein Teil des alltäglichen Lebens und des normalen Miteinanders, andererseits aber oft durch Krankheit und schwierige Biografien in besonderem Maße sensibilisiert und auch traumatisiert. Man schließt sich zusammen mit der Absicht, einander zu helfen, für einander einzustehen und in gegenseitigem Vertrauen oft sehr intime persönliche Schwierigkeiten zu besprechen. Das alles macht die Besonderheit einer Selbsthilfegruppe aus; es ist quasi ein besonderer, geschützter Raum außerhalb des Alltags, und das auch nur für wenige Stunden in der Woche.
Aus dieser besonderen Konstellation erwächst jedem einzelnen Gruppenmitglied eine ebenfalls besondere Verantwortung für die Harmonie, das Gleichgewicht und die Homogenität der Gruppe einzutreten. Persönliche Animositäten gegenüber anderen Gruppenmitgliedern und provokantes, egoistisches Verhalten stören das sehr empfindliche Gleichgewicht in der Gruppe und tragen dazu bei, dass aus dem sicheren Raum für Manchen ein Ort wird, aus dem er sich zurückziehen möchte. Denn viele Menschen können auf Grund ihrer Biografie gerade mit Konflikten und Spannungen nicht gut umgehen oder erleben diese zu häufig auch in ihrem Alltag.
Es wäre sehr zu wünschen, dass jeder, der die Hilfe einer solchen Gruppe in Anspruch nehmen möchte, sich der Besonderheit und Einmaligkeit dieser Möglichkeit bewusst ist und sich entsprechend feinfühlig und taktvoll in das Geschehen einbringt. Anderenfalls bleiben irgendwann nur die Menschen übrig, die in einer Selbsthilfegruppe die ideale Möglichkeit sehen, sich zu profilieren und/oder Macht auszuüben, um sich so von ihrem eigenen oft eintönigen und einsamen Leben abzulenken.Und das darf nicht geschehen, denn Selbsthilfe bedeutet auch soziales Üben und neue, hilfreiche und vor allem wohltuende Kontakte knüpfen zu können und zu pflegen. Auf diese Weise kann eine solche Gruppe zum Vorbild werden für eine humanere und sozialere Gesellschaft.

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